1 Überblick

 

Zusammenfassung

Die Skala bildet die subjektiv empfundene Arbeitsbelastung von Krankenpfleger(innen) ab. Unterschieden werden die Dimensionen “Koordinations- und Informationsprobleme" und "Psychophysische Überforderung". Die Entwicklung der Skala basiert auf motivations- und stresstheoretischen Konzepten.

 

Zitierung

Bartholomeyczik, E. (2014). Arbeitsbelastung in der Krankenpflege. Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen. doi:10.6102/zis32

Titel: Arbeitsbelastung in der Krankenpflege

Autor/in: Bartholomeyczik

In ZIS seit: 1997

Anzahl der Items: 12

Reliabilität: .72 bis .83

Validität: keine Hinweise

Konstrukt: Arbeitsbelastung

Schlagwörter: Krankenpflege, Arbeitsbelastung, Stress

Sprache Dokumentation: deutsch

Sprache Items: deutsch

Item(s) in Bevölkerungsumfrage eingesetzt: nein

Entwicklungsstand: erprobt

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2 Instrument

 

Instruktion

Und nun möchten wir Sie bitten, zu Ihren berufsbezogenen Belastungen Stellung zu nehmen. Bitte kreuzen Sie bei den folgenden Gegebenheiten an, wie häufig sich dies bei Ihnen ereignet. Wie oft kommt es vor, dass ...

 

Items

1 = Subskala "Koordinations- und Informationsprobleme"

2 = Subskala "Psychophysische Überforderung"

 

Nr.

Item

Subskala

1

Sie aus Zeitgründen nicht auf die Wünsche oder Probleme der Patienten eingehen können.

2

2

Sie nach der Arbeit körperlich völlig erschöpft sind.

2

3

Sie das Gefühl haben, zu viel Verantwortung übernehmen zu müssen.

2

4

Die Arbeitsaufteilung und Arbeitsläufe nicht so klar und eindeutig geregelt sind, wie Sie sich das wünschen.

1

5

Sie das Gefühl haben, die Arbeit sei so viel, dass Sie nie damit fertig werden können.

2

6

Die Zusammenarbeit mit Ärzten und Mitarbeitern nicht so klappt, wie Sie sich das wünschen.

1

7

Sie sich durch die Patienten und ihre Probleme seelisch stark beansprucht fühlen.

2

8

Ihnen wichtige Informationen nicht gegeben werden.

1

9

Sie mehr Verantwortung haben möchten, als Ihnen zugestanden wird.

1

10

Sie nicht ausreichend Gelegenheit haben, über bestimmte Patienten oder anfallende Arbeiten mit Ärzten und anderen Mitarbeitern zu sprechen.

1

11

Sie sich an eine Vorschrift halten müssen, die Ihrer Ansicht nach keinen Sinn hat.

1

12

Sie das Gefühl haben, das die anderen Mitarbeiter Ihre Vorschläge und Wünsche nicht berücksichtigen.

1

 

Antwortvorgaben

5-stufige Skala mit den Optionen: nie - selten - manchmal - häufig - immer

 

Auswertungshinweise

Für die beiden Subskalen "Koordinations- und Informationsprobleme" und "Psychophysische Überforderung" wird ein ungewichteter additiver Index berechnet. Die Antwortkategorien erhalten dabei Werte von 1 = "nie" bis 5 = "immer". Wegen der hohen Faktorkorrelation kann auch die Zusammenfassung der Rohwerte für die beiden Subskalen zu einem Gesamtpunktwert sinnvoll sein.

 

 

3 Theoretischer Hintergrund

 

Die Autoren der Originalversion (Bartholomeyczik, Bartholomeyczik, Beckmann & Bernhard, 1974) orientierten sich an motivations- und stresstheoretischen Konzepten (Lazarus, 1966; McGrath, 1970). Situationen, in denen die Störung oder Behinderung einer motivationalen Reaktionstendenz auftritt, werden demnach als frustrierend wahrgenommen und erzeugen einen psychischen Spannungszustand, den die Autoren als Stress bezeichnen. Als Faktoren, die potentiell stressinduzierenden bzw. Belastungserfahrung vermittelnden Charakter haben, kommen in konzeptioneller Hinsicht u.a. Disharmonien in der Arbeitsgruppe, Einengung eigener Vorstellungen, Überlastung oder gestörte Beziehungen zu Patienten in Betracht. Dabei wird von einem kumulativen Effekt der verschiedenen Belastungssituationen bezüglich des Stress-Gesamtscores einer Person ausgegangen. Insgesamt wird eine Abhängigkeit des Stresses von der Organisationsstruktur behauptet; mögliche Reaktionsformen werden herausgearbeitet und analysiert. Am Ende der Kette steht das durch die Organisationstruktur mitbedingte Verhalten gegenüber den Patienten (positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden bei "geringerem" Stress). Neuere Bezugspunkte sind in den stresstheoretischen Ansätzen von Pearlin et al. (1981) und Folkman et al. (1986) zu sehen. Diese reflektieren zum einen die besondere Bedeutung von relativ kontinuierlichen, sich wiederholenden Alltagsbelastungen ("role strain") wie auch die Relevanz der individuellen Bewertung von belastenden Situationen oder Ereignissen für das Wohlbefinden. In der Terminologie von Lazarus wird mit der vorliegenden Skala der "primary appraisal" von Arbeitssituationen im klinischen Arbeitsbereich abgefragt.

 

4 Skalenentwicklung

 

Itemkonstruktion und Itemselektion

Das Instrument wurde von Bartholomeyczik, Bartholomeyczik, Beckmann & Bernhard (1974) entwickelt. In der Originalversion werden 24 Konfliktsituationen aus dem Arbeitsleben des Krankenhauses beschrieben, sowie einige über die direkte Arbeitssituation hinausreichende, mit der Arbeit jedoch zusammenhängende Konfliktmöglichkeiten. In einer vergleichenden Studie an drei Krankenhäusern (internistische und chirurgische Abteilungen) wurde für jede dieser Konfliktsituationen die Häufigkeit ihres Auftretens und das Ausmaß der damit verbundenen "Ärgerreaktion" durch schriftliche Befragung des Pflegepersonals erhoben (Studie A: N = 143). Der Skalenwert pro Item wurde durch multiplikative Verknüpfung der Doppelfragen gewonnen. In der Testanalyse wurden 9 der 24 Items ausgeschieden, da die betreffenden Konfliktsituationen von einem hohen Anteil der Befragten als "nie" vorkommend oder als "überhaupt nicht" belastend wahrgenommen wurden.

Die auf 15 Items reduzierte Originalversion wurde von Freigang-Bauer, Kohlmann, Nolte und Siegrist (1982) einer Revision unterzogen und in zwei weiteren Studien eingesetzt.  Dabei wurden 10 Items unverändert oder in leicht modifizierter Form übernommen und 5 Konfliktsituationen neu formuliert. Diese revidierte Version kam bei einer Befragung von N = 180 Pflegekräften (Studie B) aus verschiedenen Abteilungen einer Universitätsklinik zum Einsatz. In dieser Untersuchung zeigte sich in der Testanalyse, dass 2 der 15 Items wegen ihrer geringen Trennschärfe und geringer Kommunalitäten in exploratorischen Faktorenanalysen nicht geeignet waren, das zugrundeliegende Konstrukt abzubilden. Nach Entfernung dieser Items zeigte die Skala mit Cronbachs Alpha von .84 (Häufigkeitsnennungen) bzw. .83 (Belastungsstärke) eine befriedigende Reliabilität. In der Hauptachsenanalyse über 13 Items ergab sich eine gut interpretierbare interne Struktur des Instruments: Während der erste von zwei nach dem KAISER-Kriterium extrahierten und orthogonal nach VARIMAX rotierten Faktoren Konfliktsituationen beschrieb, in denen Kooperations- und Informationsprobleme sowie Statusunsicherheit auftreten (z.B. "Arbeitsaufteilung unklar"), waren die Items mit hoher Ladung auf dem zweiten Faktor auf Situationen mit physischer und psychischer Überlastung bezogen (z.B. "körperlich völlig erschöpft sein").

In einer dritten Studie (Studie C, Kohlmann, Freigang-Bauer und Nolte, 1986) wurde das Instrument im Rahmen einer komparativen organisationssoziologischen Untersuchung an 15 internistischen Stationen in verschiedenen Kliniken angewandt. Die jetzt konfirmatorisch durchgeführte Faktorenanalyse ergab nach Ausscheiden eines weiteren Items eine gute Reproduktion der früheren Faktorstruktur. Ein Messmodell für die verbleibenden 12 Items mit zwei obliquen Faktoren und tau-äquivalenten manifesten Variablen konnte sowohl inferenzstatistisch als auch anhand deskriptiver Goodness-of-Fit-Indizes akzeptiert werden. Wegen der im Allgemeinen sehr hohen Korrelation der Angaben zur perzipierten Stärke der Belastung mit den Häufigkeitsnennungen wurde auf die Berücksichtigung dieser Dimension verzichtet. Die Endversion sieht deshalb auch nur eine Erfassung der Häufigkeit vor. Eine vom Konzept her im Einzelnen begründbare Wiedereinführung der zweiten Dimension ist jedoch nicht ausgeschlossen.

 

Stichproben

-       Es handelt sich bei allen drei untersuchten Stichproben um willkürlich ausgewählte Probanden:

-       In Studie A wurden N = 143 Pflegekräfte aus drei Allgemeinkrankenhäusern (internistische und chirurgische Abteilungen) befragt. Zwei dieser Kliniken können als traditionelle Häuser bezeichnet werden, die dritte Klinik war anthroposophisch orientiert.

-       Studie B umfasste Pflegepersonal (N = 180) einer hessischen Universitätsklinik, u.a. aus den Abteilungen Innere Medizin, Gynäkologie, Dermatologie und Psychatrie.

-       In Studie C bestand die Stichprobe aus N = 118 Pflegekräften aus 15 internistischen Stationen an insgesamt 8 Kliniken. 8 dieser Stationen waren eher traditionell orientiert, 7 Stationen verfolgten einen internistisch-psychosomatisches Versorgungskonzept.

 

Itemanalysen

Die Skala umfasst zwei Dimensionen (Subskalen):

1.     Subskala "Koordinations- und Informationsprobleme" mit 7 Items,

2.     Subskala "Psychophysische Überforderung" mit 5 Items.

Itemkennwerte

In Tabelle 1  werden die Item-Gesamt-Korrelationen angegeben.

 

Tabelle 1

Part-whole korrigierte Trennschärfekoeffizienten der Items  für die Gesamtskala (Studie B+C; N = 298)

Item

Trennschärfe

1

.49

2

.38

3

.40

4

.50

5

.49

6

.58

7

.36

8

.56

9

.36

1

.60

11

.54

12

.59

 

 

5 Gütekriterien

 

Reliabilität

Die Berechnung von Cronbachs Alpha basiert auf einer Stichprobe von N = 298 Personen, die in zwei (Studien B+C) der insgesamt drei befragten Studien befragt wurden. Der Reliabilitätskoeffizient beträgt für die Gesamtskala .83, für die Subskala "Koordinations- und Informationsprobleme" .82 und für die Subskala "Psychophysische Überforderung" .72.

 

Validität

In den Dokumentations-Unterlagen werden keine Validierungshinweise für das Gesamtinstrument gegeben.

 

Deskriptive Statistiken (Normierung)

In Tabelle 2 liegen die Verteilungsparameter der Gesamtskala, der beiden Subskalen und aller Items vor.


 

Tabelle 2

Verteilungsparameter der Items (STUDIE B+C; N = 298)

 

Mittelwert

Standard-abweichung

Schiefe

Exzess

Item 01

3.14

.85

-.08

-.60

Item 02

3.12

.92

-.12

-.30

Item 03

2.35

.93

.35

-.27

Item 04

2.64

1.01

.35

-.37

Item 05

2.25

.93

.48

-.19

Item 06

2.77

.90

.32

-.39

Item 07

2.92

.91

-.20

-.31

Item 08

2.35

.92

.56

.16

Item 09

1.80

.96

1.15

.93

Item 10

2.62

1.07

.23

-.60

Item 11

2.58

.98

.27

-.30

Item 12

2.20

.86

.55

.29

Subskala "Koordinations- und Informationsprobleme"

16.95

4.62

.42

.82

Subskala "Psychophysische Überforderung"

14.80

3.12

-.10

-.32

Gesamttest

30.81

6.62

.21

.56

 


 

6 Literatur und Datenquellen

 

Literaturverzeichnis

Bartholomeyczik, E. (1978). Krankenhausstruktur, Stress und Verhalten gegenüber den Patienten, Bd. 1: Methodische Grundlagen. Berlin: BASIG.

Bartholomeyczik, S. (1981). Krankenhausstruktur, Stress und Verhalten gegenüber den Patienten, Bd. 2: Ergebnisse. Berlin: BASIG.

Bartholomeyczik, E., Bartholomeyczik, S., Beckmann, M., & Bernhard, W. (1974). Krankenhausstruktur, Stress und Verhalten gegenüber den Patienten im Krankenhaus. Manuskript, Berlin.

Carmines, E.G., & McIver, J.P. (1981). Analyzing models with unobserved variables: Analysis of covariance structures. In G. Bohrnstedt & E. Borgatta (Eds.), Social measurement - current issues. Beverly Hills: Sage.

Fischer, G.H. (1974). Einführung in die Theorie psychologischer Tests. Bern: Huber.

Folkman, S., Lazarus, R.S., Dunkel-Schetter, C., Delongis, A., & Gruen, R.J. (1986). Dynamics of a stressful encounter: Cognitive appraisal, coping and encounter outcomes. Journal of Personality and Social Psychology, 50, 992-1003.

Freigang-Bauer, I., Kohlmann, T., Nolte, B., & Siegrist, J. (1982). Krankheitsverständnis und Arbeitsorganisation im Krankenhaus - Eine vergleichende Untersuchung (Zwischenbericht), Marburg.

Freigang-Bauer, I., Kohlmann, T., Nolte, B., & Siegrist, J. (1985). Organisatorische Neuerungen im Krankenhaus und ihre Auswirkungen auf Personal und Patienten. In D. Czogalik, W. Ehlers & R. Teufel (Hrsg.), Perspektiven der Psychotherapieforschung: Einzelfall-Gruppe-Institution. Freiburg: Hochschulverlag.

Kohlmann, T. (1986). Medical paradigm and work organization in hospitals: A comparative study of traditional and psychological oriented medical wards in West Germany. Paper presented at the First European Congress on Medical Sociology, Groningen.

Kohlmann, T., Freigang-Bauer, I., & Nolte, B. (1986). Krankheitsverständnis und Arbeitsorganisation im Krankenhaus - Eine vergleichende organisationssoziologische Studie. (Schlußbericht). Marburg.

Lazarus, R.S. (1966). Psychological stress and the coping process. New York: McGraw-Hill.

McGrath, J. (1970). Social and psychological factors in stress. New York: Holt, Rinehart & Winston.

Pearlin, L.I., Menaghan, E.G., Liebermann, M.A., & Mullan, J.T. (1981). The stress process. Journal of Health and Social Behavior, 22, 337-356.