1 Überblick

 

Zusammenfassung

Erfasst werden unspezifische körperliche und psychische Beschwerden, die auf Umweltchemikalien zurückgeführt werden können. Das Interview ermöglicht eine Diagnosestellung für Idiopathische Umweltintoleranz und wurde parallel zum Fragebogen für Idiopathischer Umweltintoleranz entwickelt.

 

Zitierung

Bailer, J., Witthöft, M., & Rist, F. (2014). Strukturiertes Interview zur Erfassung von Idiopathischer Umweltintoleranz (SI IUI). Zusammenstellung sozialwissenschaftlicher Items und Skalen. doi:10.6102/zis187

Titel: Strukturiertes Interview zur Erfassung von Idiopathischer Umweltintoleranz (SI-IUI)

Autor/in: Bailer, Witthöft, & Rist

In ZIS seit: 2006

Anzahl der Items: 48

Reliabilität: .77 bis .93

Validität: Hinweise auf die konvergente Validität

Konstrukt: Idiopathische Umweltintoleranz

Schlagwörter: Interview, Gesundheit, Umwelt

Sprache Dokumentation: deutsch

Sprache Items: deutsch

Item(s) in Bevölkerungsumfrage eingesetzt: nein

Entwicklungsstand: validiert

2 Instrument

 

Instruktion

-       Instruktion für die Erstuntersuchung

Aufklärung über Zweck und Inhalt des Interviews:

"Manche Menschen reagieren empfindlich auf Chemikalien, die in der Umwelt vorkommen. Wir möchten mit dieser Befragung herausfinden, ob derartige umweltbezogene Befindlichkeitsstörungen bei Ihnen ebenfalls vorkommen."

-       Instruktion für die Wiederholungsuntersuchung (1 Jahr später)

Aufklärung über Zweck und Inhalt des Interviews:

"Das folgende Interview zum Thema chemische Umweltbelastungen und Gesundheit haben wir bereits im Rahmen der ersten Untersuchungstermine vor einem Jahr mit Ihnen durchgeführt. Wir möchten Ihnen nun die gleichen Fragen noch einmal stellen, um den derzeitigen Stand bzw. die zeitliche Stabilität der Problematik untersuchen zu können."

 

Items und Antwortvorgaben

Nr.

Item

1

Waren Sie jemals einer hohen Dosis gesundheitsschädlicher Chemikalien ausgesetzt?

Antwortvorgaben: Dichotome Antwortkategorie ja vs. nein

2

Wenn ja, wann (vor wie viel Jahren zum ersten Mal)?

Antwortvorgaben: Offene Antwortkategorie

1.2

Wenn ja, wie lange?

Antwortvorgaben: Offene Antwortkategorie

1.3

Welche Substanz(en)?

Antwortvorgaben: Offene Antwortkategorie

1.4

Wie festgestellt (mehrere Antwortmöglichkeiten)?

Antwortvorgaben: 1 = Subjektive Beschwerden (ohne weitere Ursachenabklärung), 2 = Ortsbegehung durch Umweltmediziner, 3 = Chemische oder mikrobiologische Analysen.

 

Nr.

IUI-Auslöser: Häufigkeiten und Vermeidungen

2

Unabhängig davon interessiert uns, auf welche der folgenden Stoffe in der Umwelt oder Gegenstände Sie möglicherweise mit Beschwerden reagieren. Bitte geben Sie bei jedem möglichen Auslöser an, mit welcher Häufigkeit dieser bei Ihnen Beschwerden auslöst. Geben Sie zudem an, ob - und wenn ja wie häufig - Sie den Kontakt mit diesem Auslöser vermeiden.

2.1

Autoabgase

2.2

Parfüms

2.3

Pestizide (Schädlingsbekämpfung)

2.4

Haushaltsreiniger

2.5

Zigarettenrauch

2.6

Neue Kleider

2.7

Möbel

2.8

Teppiche

2.9

Ölfarben

2.10

Elektrogeräte

2.11

Haarsprays

2.12

Lacke /Sprays

2.13

Benzin

2.14

Amalgamfüllungen

2.15

Luftverschmutzung

 

Antwortvorgaben: a) Häufigkeit als Auslöser: 5-stufiges Antwortformat mit den Optionen 0 = nie, 1 = selten, 2 = manchmal, 3 = meistens, 4 = bei jedem Kontakt. b) Häufigkeit der (Auslöser-)Kontaktvermeidung: 5-stufiges Antwortformat mit den Optionen 0 = nie, 1 = selten, 2 = manchmal, 3 = meistens, 4 = immer.

 

Nr.

IUI-Auslöser: Häufigkeiten und Vermeidungen

3

Welche der folgenden Beschwerden haben Sie bei sich als Reaktion auf Umweltstoffe (z.B. Verkehrsabgase, Haushaltsreiniger, Lackgeruch, neue Kleider, Holzschutzmittel etc.) beobachtet? Seit wann reagieren Sie mit diesen Beschwerden?

3.1

Trockene, enge Nase

3.2

Verstärkte Geruchsempfindlichkeit

3.3

Muskel- und Gelenkschmerzen

3.4

Hautveränderungen

3.5

Konzentrationsstörungen

3.6

Gedächtnisprobleme

3.7

Kopfschmerzen

3.8

Müdigkeit

3.9

Nervosität

3.10

Mundtrockenheit

3.11

Herzrasen

3.12

Übelkeit

3.13

Atemnot

3.14

Augenbrennen

3.15

Bauchschmerzen

3.16

Andere Beschwerden

 

Antwortvorgaben: a) Beschwerden: Dichotome Antwortkategorien ja (1) vs. nein (2). b) Beschwerdedauer: 7-stufiges Antwortformat mit den Optionen 0 = überhaupt nicht, trifft nicht zu, 1 = < ½ Jahr, 2 = ½ - 1 Jahr, 3 = 1-2 Jahre, 4 = 2- 5 Jahre, 5 = 5-10 Jahre, 6 = > 10 Jahre.


 

Nr.

Item

4

Wurden zur Linderung Ihrer Beschwerden bisher Behandlungen (Schul- u. Alternativmedizin) durchgeführt?

Antwortvorgaben: Dichotome Antwortkategorie ja (1) vs. nein (0).

 

Nr.

Verhaltensänderungen infolge von chemischer Empfindlichkeit

5

Haben Sie aufgrund der chemischen Empfindlichkeit...

5.1

eine bestimmte Diät gehalten?

5.2

spezielle Vorsichtsmaßnahmen in Ihrer Wohnung oder bzgl. Ihres Mobiliars vorgenommen?

5.3

Muskel- und Gelenkschmerzen

5.4

Schwierigkeiten, sich in Kaufhäusern aufzuhalten oder in Restaurants Essen zu gehen?

 

Antwortvorgaben: 3-stufiges Antwortformat mit den Optionen

0 = nein, 1 = früher, 2 = aktuell.

 

Nr.

Allgemeiner Gesundheitszustand:

6

Wie würden Sie selbst Ihren momentanen Gesundheitszustand beurteilen?

Antwortvorgaben: 5-stufiges Antwortformat mit den Optionen 1 = sehr gut, 2 = gut, 3 = befriedigend, 4 = schlecht, 5 = sehr schlecht

7

Wie oft waren Sie in den letzten 12 Monaten wegen Erkrankungen bzw. Beschwerden arbeitsunfähig (bzw. krankgeschrieben)?

7.1

Häufigkeit (Anzahl)

Antwortvorgaben: Offene Antwortkategorie.

7.2

Dauer insgesamt (Tage)

Antwortvorgaben: Offene Antwortkategorie.

 

Nr.

Verhaltensänderungen infolge von chemischer Empfindlichkeit

8

Haben Sie in den letzten 12 Monaten eine der folgenden Renten bezogen bzw. beantragt, oder sind sie in einem Berentungsverfahren?

8.1

Erwerbsunfähigkeitsrente

8.2

Berufsunfähigkeitsrente

8.3

Berentungsverfahren

8.4

Berentungsstreit

 

Antwortvorgaben: Dichotome Antwortkategorie ja (1) vs. nein (0).

 

Auswertungshinweise

Ein IUI-Syndrom wird diagnostiziert, wenn die folgenden drei Kriterien erfüllt sind: 1) der Bericht von mindestens drei Beschwerden, jedes mit einer Mindestdauer von 6 Monaten, 2) die Nennung von mindestens drei Auslöserreizen, die meistens oder immer zu Beschwerden führen und 3) die Angabe von mindestens drei Auslöserreizen, die meistens oder immer vermieden werden.

Für die IUI-Diagnosestellung werden zunächst die polytomen Antworten für die Auslöser-, Kontaktvermeidungs- und Beschwerdenitems dichotomisiert. Folgende Trennpunkte wurden dafür festgelegt: Auslöserhäufigkeit: 0-2 = 0, 3-4 = 1, Auslöser-Kontaktvermeidungshäufigkeit: 0-2 = 0, 3-4 = 1 und Beschwerdendauer: 0-1 = 0, 2-6 = 1. Anschließend werden die so dichotomisierten Antwortwerte für diese drei Variablen aufsummiert. Die resultierenden Summenwerte für jede Subskala können zwischen 0-15 variieren. Probanden mit Summenwerten >3 für Auslöser, Kontaktvermeidung und Beschwerden werden als IUI-Fälle diagnostiziert. Weitere Items des Interviews bleiben bei der Diagnosestellung unberücksichtigt.

 

 

3 Theoretischer Hintergrund

 

Seit circa zwei Jahrzehnten führen Betroffene und Ärzte zunehmend eine Vielzahl unspezifischer körperlicher und psychischer Beschwerden ursächlich auf eine Exposition gegenüber Umweltchemikalien zurück. Je nach Art und Enge der Definition leiden zwischen 3% und 15% der Allgemeinbevölkerung in Deutschland, England und den USA unter einer derartigen selbstberichteten Chemikalienüberempfindlichkeit. Sie wird im englischsprachigen Raum als "Idiopathic Environmental Intolerance" (IEI) bezeichnet, im deutschsprachigen Raum als "idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeit" oder "idiopathische Umweltintoleranz" (IUI). Eine frühere Bezeichnung war "Multiple Chemische Sensitivität" (MCS).

Frauen und Personen mit Allergien sind von IUI häufiger betroffen als Männer und Nichtallergiker (vgl. Bailer et al., 2004a, b). Als typische Auslöser für Beschwerden nennen Betroffene beispielsweise den Kontakt mit Parfüms, Sprays, Reinigungs- und Desinfektionsmitteln sowie den Geruch von frischen Farben, Farbverdünnern, Tabakrauch oder Verkehrsabgasen. Teilweise entwickeln sie auch ausgeprägtes Vermeidungsverhalten gegenüber Umweltsubstanzen, die von der Mehrheit der Allgemeinbevölkerung ohne Gesundheitsbeschwerden toleriert werden. Es kann zu Einschränkungen der Lebensqualität sowie zu sozialen und beruflichen Funktionsbeeinträchtigungen und einer Veränderung der Lebensgewohnheiten (z.B. durch Diäten oder Schutzmaßnahmen) kommen.

Ätiologie und Pathogenese von IUI/MCS sind umstritten. Unklar ist insbesondere, ob idiopathische Umweltintoleranz eine eigenständige Krankheitsentität mit organischer bzw. toxischer Ätiologie ist oder ein somatoformes Beschwerdebild mit primär psychischen Ursachen (Bailer et al., 2004b, 2005b).

Zur Klärung der vielen noch offenen Forschungsfragen sind nicht nur verbindliche Diagnosekriterien erforderlich, sondern auch reliable und valide Erhebungsinstrumente zur Identifizierung und Klassifikation von Personen mit IUI/MCS. Allgemein anerkannte Diagnoserichtlinien existieren noch nicht, sondern nur mehrere unterschiedlich eng gefasste Falldefinitionen (Szarek et al., 1997; Kreutzer, 2000). Sie definieren IUI/MCS übereinstimmend als eine 1) chronische Störung, charakterisiert durch 2) selbstberichtete umweltbezogene Beschwerden, die 3) durch unterschiedliche, alltägliche, chemisch nicht verwandte Substanzen im Niedrig-Dosis-Bereich ausgelöst werden.

Standardisierte Selbstbeurteilungsskalen sind eine ökonomische Möglichkeit, Chemikalienüberempfindlichkeit reliabel und valide zu erfassen. Eine dafür wiederholt als geeignet ausgewiesene deutsche Skala ist die von Kiesswetter und Kollegen entwickelte "Chemische Geruchssensitivitätsskala" (CGSS; Kiesswetter et al. 1999; Bailer et al., 2004a,b). Sie erfasst mit 11 Items olfaktorisch vermittelte Reaktionen (z.B. Schwindel, Atemnot, Übelkeit) auf alltäglich in der Umwelt auftretende chemische Stoffe wie z.B. Lack- oder Benzingeruch. Zur Absicherung einer IUI-Diagnose empfehlen wir jedoch den zusätzlichen Einsatz eines klinischen strukturierten Interviews (SI), welches die zentralen Kriterien von IUI-Falldefinitionen abfragt. Das hier dokumentierte SI-IUI wurde für diesen Zweck entwickelt.

 

 

4 Skalenentwicklung

 

Itemkonstruktion und Itemselektion

Die hier dokumentierte dritte Überarbeitung eines strukturierten Interviews (SI) soll zentrale Merkmale einer "idiopathischen Umweltintoleranz" bzw. "umweltbezogenen Unverträglichkeit" (IUI) erfassen. Dazu wird Interviewten zunächst eine Liste von 15 typischen Auslöser(reize)n (z.B. Autoabgase, Parfüms) vorgegeben (Item 2 des SI). Sie sollen auf jeweils 4-stufigen Antwortskalen danach beurteilt werden, a) wie häufig sie Beschwerden auslösen und b) wie oft der Kontakt mit ihnen vermieden wird ((Auslöser-) Kontaktvermeidungs-Items). Anschließend (Item 3 des SI) werden 15 häufig im Zusammenhang mit idiopathischer Umweltintoleranz berichtete Beschwerden a) nach Auftreten (ja/nein) und b) Dauer (7-stufiges Antwortformat) beurteilt (Beschwerden und Beschwerdendauer). Eine erste Version des Interviews (Bailer et al., 2004a,b) erfragte dagegen nur je 10 IUI-Auslöser und -Beschwerden. Diese wurde in einer zweiten Version um fünf Auslöser- und Beschwerde-Items ergänzt (Bailer et al., 2005b). Die aktuelle Version enthält zusätzlich vier Fragen zu Funktionsbeeinträchtigungen durch idiopathische umweltbezogene Unverträglichkeit.

Die Konstruktion und Auswahl der IUI-Items erfolgte gestützt auf

a)     publizierte Falldefinitionen von idiopathischer umweltbezogener Befindlichkeitsstörung bzw. multipler chemischer Sensitivität (MCS),

b)     Beschwerden und Auslöser, die in Selbstbeurteilungsskalen zur Erfassung von Chemikalienüberempfindlichkeit genannt wurden sowie

c)     Publikationen zum Beschwerdebild und Berichte von Betroffenen in den Medien.

Die vier Fragen zur Beeinflussung des Lebensstils durch IUI/MCS (Items 5.1.  5.4) wurden in Anlehnung an ein von Kreutzer et al. (1999) konzipiertes Interviewverfahren formuliert.

Ein IUI-Syndrom wird diagnostiziert, wenn folgende drei Kriterien erfüllt sind:

1)     der Bericht von mindestens drei Beschwerden, von denen jede über mindestens 6 Monate aufgetreten ist,

2)     die Nennung von mindestens drei Auslöserreizen, die meistens oder immer zu Beschwerden führen und

3)     die Angabe von mindestens drei Auslöserreizen, die meistens oder immer vermieden werden.

 

Stichproben

Die psychometrischen Eigenschaften des IUI-Interviews wurden mit den Daten aus einer prospektiven Studie zur Spezifität und Stabilität einer idiopathischen umweltbezogenen Unverträglichkeit bzw. eines IUI-Syndroms ermittelt. An der Erstuntersuchung nahmen 166 Personen teil. Anhand ihrer Ergebnisse in diesem und einem weiteren strukturierten Interview (SKID I) wurden sie einer von drei Probandengruppen zugeteilt:

a)     Probanden mit Erfüllung der oben genannten Kriterien für ein IUI-Syndrom (N = 62; 37.3 %),

b)     Personen, die die Kriterien einer somatoformen Störung nach DSM-IV erfüllten, aber nicht die Kriterien für ein IUI-Syndrom (N = 47; 28.3 %) sowie

c)     Kontrollpersonen ohne somatoformes und IUI-Syndrom (N = 57; 34.3 %).

Das Durchschnittsalter dieser Befragten betrug 46.2 (SD = 11.5) Jahre, 75 % von ihnen waren Frauen, 38 % hatten Fachhochschulreife oder Abitur, 51 % berichteten Allergien. In einer nach einem Jahr durchgeführten Katamnesestudie konnten 159 dieser Interviewten erneut befragt werden. Wie nach dieser hohen Ausschöpfungsrate von 95.8% zu erwarten, unterscheidet sich diese zweite Stichprobe in den oben genannten Merkmalen nicht bedeutsam von der ersten Stichprobe (siehe Tabelle 1). Die Fragestellung und zentrale inhaltliche Ergebnisse der Studie beschreiben detailliert Bailer et al. (2005b).

 

Tabelle 1

Demografische und andere Merkmale der Stichproben der ersten (T1; N=166) und zweiten Untersuchung (T2; N=159)

 

T1

T2

Alter

 

 

    Mittelwert 

46.2

47.1

    Standardabw.

11.5

11.4

Frauen (%)     

75.3

75.5

FHR / Abitur (%)

38.2

39.6

Allergien (%)  

51.2

51.0

IUI-Diagnosen (%)

37.3

38.4

 

Die Probanden wurden über mehrere Zugangswege gewonnen: Teilnehmer mit IUI-Diagnose und Teilnehmer mit somatoformer Störung ohne IUI-Syndrom wurden aus der Ambulanz für Umweltmedizin und aus den Ambulanzen für Psychiatrie und Psychosomatik der Universität Heidelberg sowie über Anzeigen in den örtlichen Tageszeitungen rekrutiert. In den Anzeigen wurden Freiwillige gesucht, die entweder besonders empfindlich auf Umweltchemikalien reagierten, oder unter medizinisch nicht erklärbaren Beschwerden litten. Die Gesunden wurden in einer zahnmedizinischen Ambulanz an der Universität Heidelberg rekrutiert. Dabei handelte es sich mehrheitlich um Patienten, die zu einer Routinekontrolle kamen, nicht um Patienten mit Verdacht auf somatoforme Beschwerden. Weitere gesunde Probanden wurden über Anzeigen in den örtlichen Tageszeitungen gewonnen. Darin wurde nach Freiwilligen gefragt, die an einer Studie zu Umwelt und Gesundheit teilnehmen wollten.

 

Variablen und Auswertungsmethode

1.     Die Dimensionalität der Beantwortung der IUI-Items zu beschwerdeauslösenden Umweltreizen (Fragen 2) und der Art und Dauer der auf chemische Umweltstoffe zurückgeführten Beschwerden (Fragen 3) wurde wegen der Verwendung von binären Antwortformaten sowie der zum Teil schiefen Antwortverteilungen mit konfirmatorischen Messmodellen für nicht kontinuierlich verteilte manifeste Indikatoren und kontinuierliche latente Variablen geprüft. Herangezogen wurde dazu Mplus 2.02 (Muthén & Muthén, 1998). Dieses Programm ermöglicht eine Spezifikation und Prüfung solcher Modelle als 2-Parameter-Normalogiven-IRT-Modelle in einem integrierten und verallgemeinerten Ansatz zur Formulierung und Testung von Mess- und Strukturmodellen mit latenten Variablen (vgl. Glöckner-Rist & Hoijtink, 2003). Alle Daten gingen in der nachfolgend beschriebenen dichotomisierten Form in diese Analysen ein:

2.     Für die Diagnosestellung wurden zunächst die polytomen Antworten zu den Auslöser-, Kontaktvermeidungs- und Beschwerden-Items dichotomisiert. Dafür wurden folgende Trennpunkte festgelegt: Auslöser: Häufigkeiten 0-2 = 0 und 3-4 = 1, Kontaktvermeidung: Häufigkeiten 0-2 = 0, 3-4 = 1 und Beschwerdedauer: 0-1 = 0, 2-6 = 1.

Anschließend wurden für diese drei Variablen Summenwerte durch die Addition der dichotomisierten Antworten gebildet. Sie können jeweils zwischen 0 und 15 variieren. Probanden, die für jede der so bestimmten 1) multiplen Beschwerden (Anzahl von Beschwerden mit einer Dauer von mindestens 6 Monaten), 2) multiplen Auslöser (Anzahl von Auslöserreizen, die meistens oder immer Beschwerden auslösen) und 3) generalisiertes Vermeidungsverhalten (Anzahl von Auslöserreizen, die meistens oder immer vermieden werden) mindestens einen Wert von 3 aufweisen, erhalten eine IUI-Diagnose. Die Antworten zu den übrigen Items des Interviews werden bei dieser Diagnosestellung nicht berücksichtigt.

3.     Wegen der Verwendung nachträglich dichotomisierter Itemantworten für die Diagnosestellung werden zur Ermittlung zentraler Itemkennwerte von IUI-Items mit ordinalem Antwortformat (Beschwerden, Auslöser, Kontaktvermeidung) sowohl polytome als auch nachträglich dichotomisierte Daten herangezogen.

 

Itemanalysen

Zwei konfirmatorische Messmodellanalysen (2 Parameter IRT Normalogiven Modell mit WLSMV-Schätzung; Mplus 2.02) für den ersten und den zweiten Erhebungszeitpunkt belegen jeweils die a priori postulierte 3-faktorielle Strukturierung der Interviewbeantwortungen in IUI-Beschwerden-Auslöser (Tabelle 2) und (Auslöser-) Kontaktvermeidung (Tabelle 3). Die Items zu IUI-Auslösern und Kontaktvermeidung beziehen sich jeweils auf identische Umweltreize. Eine adäquate Modellanpassung wurde deshalb für den ersten Erhebungszeitpunkt (N = 166:  = 104.7; df = 76; p = .02; CFI = .99; TLI = 1.00; RMSEA = .05) und den zweiten (N = 159:  = 150.1; df = 91; p < .01; CFI = .97; TLI = .98; RMSEA = .06) erst dann erzielt, wenn dadurch offensichtlich verursachte zusätzliche itemspezifische Gemeinsamkeiten durch eine freie Schätzung der Residuenkorrelationen jeweils zwischen einer Auslöserhäufigkeit und der dazu erfragten Kontaktvermeidung berücksichtigt wurden.

 

Tabelle 2

Standardisierte Faktorladungen (FL) und aufgeklärte Antwortvarianzen bzw. Itemreliabilitäten (R²) für die Items zu IUI-Bescherdesymptomen nach zwei konfirmatorischen Faktorenanalysen (2 Parameter IRT Normalogiven Modell mit WLSMV-Schätzung) der Antworten aus der ersten (T1; N=166) und der zweiten (T2; N=159) Erhebung

 

T1

T2

Item

FL

FL

1

.47

.22

.63

.40

2

.82

.66

.63

.40

3

.98

.96

.74

.55

4

.72

.51

.69

.47

5

.94

.88

.77

.59

6

.99

.99

.87

.76

7

.70

.49

.62

.39

8

.89

.79

.72

.53

9

.79

.63

.69

.48

10

.75

.57

.59

.35

11

.92

.84

.77

.59

12

.66

.43

.72

.52

13

.76

.57

.70

.49

14

.64

.41

.66

.44

15

.87

.76

.71

.51

Anm. 1. trockene, enge Nase, 2. verstärkte Geruchsempfindung, 3. Muskel- und Gelenkschmerzen, 4. Hautveränderungen, 5. Konzentrationsstörungen, 6. Gedächtnisprobleme, 7. Kopfschmerzen, 8. Müdigkeit, 9. Nervosität, 10. Mundtrockenheit, 11. Herzrasen, 12. Übelkeit, 13. Atemnot, 14. Augenbrennen, 15. Bauchschmerzen.

 

Tabelle 3

Standardisierte Faktorladungen (FL), aufgeklärte Antwortvarianzen bzw. Itemreliabilitäten (R²) und Residuenkorrelationen (r) für die Items zu IUI-Auslösern und ihrer Kontaktvermeidung nach zwei konfirmatorischen Faktorenanalysen (2 Parameter IRT Normalogiven Modell mit WLSMV-Schätzung) der Antworten aus der ersten (T1; N=166) und der zweiten (T2; N=159) Erhebung

 

T1

T2

 

Auslöser

Kontakt-vermeidungen

 

Auslöser

Kontakt-vermeidungen

 

Item

FL

FL

r

FL

FL

r

1  

.85

.72

.85

.71

.12

.84

.71

.73

.53

.03

2  

.67

.45

.68

.46

.47

.75

.56

.83

.69

.35

3  

.83

.69

.81

.65

.28

.73

.53

.71

.51

.30

4  

.90

.82

.85

.72

.22

.83

.68

.80

.65

.32

5  

.79

.62

.75

.56

.32

.69

.47

.72

.52

.37

6  

.78

.61

.67

.44

.32

.84

.70

.62

.39

.00

7  

.88

.77

.85

.73

.23

.85

.72

.85

.72

.26

8  

.76

.58

.82

.68

.39

.71

.50

.75

.56

.42

9  

.83

.69

.87

.75

.28

.85

.72

.85

.73

.22

10 

.74

.55

.77

.60

.30

.73

.53

.56

.31

.45

11 

.76

.57

.77

.58

.45

.81

.66

.83

.69

.23

12 

.83

.68

.88

.78

.29

.91

.83

.85

.73

.17

13 

.90

.81

.83

.70

.22

.75

.57

.75

.56

.33

14 

.71

.51

.61

.37

.53

.61

.38

.42

.17

.59

15 

.79

.62

.84

.70

.31

.71

.51

.53

.28

.41

Anm. 1. Autoabgase, 2. Parfüms, 3. Pestizide (Schädlingsbekämpfung), 4. Haushaltsreiniger

5. Zigarettenrauch, 6. neue Kleider, 7. Möbel, 8. Teppiche, 9. Ölfarben, 10. Elektrogeräte, 11. Haarsprays, 12. Lacke /Sprays, 13. Benzin, 14. Amalgamfüllungen, 15. Luftverschmutzung

 

Ein alternatives einfaktorielles Generalfaktormodell, d.h. ein Modell mit der Annahme einer perfekten Interkorrelation zwischen den drei IUI-Faktoren, passt auch nach den deskriptiven Anpassungsmaßen (vgl. z.B. Hu & Bentler, 1999) deutlich schlechter zu den Daten (CFI = .97; RMSEA = .10; T 2: CFI = .92; RMSEA = .10). Trotz der hohen Interkorrelationen der drei Faktoren (Tabelle 4), die sich auch in hohen Interkorrelationen der Summenwerte für die drei IUI-Skalen (Tabelle 5) widerspiegeln (.69 - .89), sprechen diese Ergebnisse dafür, dass das SI-IUI drei empirisch separierbare, wenn auch stark überlappende Teilbereiche einer idiopathischen Umweltintoleranz abbildet.

 

Tabelle 4

Interkorrelationen der IUI-Faktoren Beschwerden, Auslöser und Kontaktvermeidung nach der ersten (T1; rechte obere Matrix; N = 166) und der zweiten (T2; linke untere Matrix; N = 159) Erhebung

 

 Beschwerden

 Auslöser

Kontaktvermeidung

Beschwerden

--

.94

.90

Auslöser

.90

--

.94

Kontaktvermeidung

.80

.90

--

 

Tabelle 5

Interkorrelationen der Summenwerte der IUI-Subskalen untereinander und mit dem Summenwert für die Chemische Geruchssensitivitätsskala (CGSS) nach der ersten (T1; Zeilen 1-4; N = 166) und der zweiten (T2; Zeilen 5-8; N = 159) Erhebung

 

 

2

 3

 4

 5

 6

 7

  8

1

IUI-Beschwerden

.80

.82

.79

.82

.79

.75

 .74

2

IUI-Auslöser   

 

.89

.81

.69

.85

.75

 .76

3

IUI-Vermeidung 

 

 

.81

.69

.81

.77

 .76

4

CGSS           

 

 

 

.72

.81

.76

 .90

5

IUI-Beschwerden

 

 

 

 

.71

.69

 .73

6

IUI-Auslöser   

 

 

 

 

 

.86

 .79

7

IUI-Vermeidung 

 

 

 

 

 

 

 .77

8

CGSS           

 

 

 

 

 

 

 

Anm. Alle Korrelationen signifikant mit p < .001

 

Itemkennwerte

Zur Beurteilung der formalen Validität und der Reliabilität der Items werden die Faktorladungen und die aufgeklärten Varianzen der Items zu IUI-Auslösern und deren Kontaktvermeidung (Tabelle 3) sowie IUI-Beschwerden (Tabelle 2) nach konfirmatorischen Faktorenanalysen berichtet. Für eine weitere Beurteilung der Trennschärfen und der Schwierigkeiten der Einzelitems liegen korrigierte Itemtrennschärfen vor und die Mittelwerte bzw. Prozentsätze bejahender Antworten für Items mit polytomen bzw. dichotomem und nachträglich dichotomisierten Antwortformat. Durch Umweltschadstoffe ausgelöste Beschwerden (Tabelle 6) bejahen zum ersten Erhebungszeitpunkt zwischen 11% (Item 15: Bauchschmerzen) und 54% (Item 7: Kopfschmerzen) der Interviewten. Fast alle bejahten Beschwerden werden dabei als seit mindestens 6 Monaten vorhanden charakterisiert. Ein Jahr später werden die meisten der Beschwerden etwas häufiger genannt, und in der Mehrzahl als länger als ein halbes Jahr aufgetreten charakterisiert.

 

Tabelle 6

Prozentsatz zustimmender Antworten (%) und korrigierte Trennschärfen (T) für IUI-Beschwerden und ihrer Dauer sowie Cronbachs Alpha (CA) für die IUI-Subskala Beschwerden nach der ersten (T1; N=166) und der zweiten (T2; N=159) Erhebung

 

Beschwerdesymp.+

Beschwerdedauer*

 

T1

T2

T1

T2

Item

%

T

%

T

%

T

%

T

1  

.33

.36

.38

.47

.33

.35

.38

.44

2  

.51

.53

.55

.36

.51

.54

.55

.36

3  

.12

.61

.16

.40

.11

.60

.16

.47

4  

.37

.52

.37

.31

.36

.51

.36

.39

5  

.24

.66

.33

.69

.24

.66

.30

.61

6  

.15

.68

.16

.48

.15

.67

.16

.55

7  

.54

.48

.63

.33

.53

.49

.62

.46

8  

.30

.65

.35

.67

.30

.64

.33

.59

9  

.24

.57

.25

.42

.23

.57

.25

.51

10 

.19

.56

.26

.36

.19

.56

.25

.42

11 

.13

.64

.13

.40

.13

.64

.13

.47

12 

.37

.45

.38

.36

.37

.45

.38

.45

13 

.36

.51

.48

.57

.36

.50

.45

.45

14 

.53

.44

.67

.58

.53

.43

.63

.49

15 

.11

.58

.13

.53

.11

.58

.09

.47

CA 

 

.88

 

.84

 

.88

 

.84

Anm. + = Beschwerdesymptom: ja/nein,* = Beschwerdedauer dichotomisiert: seit 6 Monaten ja/nein, 1. trockene, enge Nase, 2. verstärkte Geruchsempfindung, 3. Muskel- und Gelenkschmerzen, 4. Hautveränderungen, 5. Konzentrationsstörungen, 6. Gedächtnisprobleme, 7. Kopfschmerzen, 8. Müdigkeit, 9. Nervosität, 10. Mundtrockenheit, 11. Herzrasen, 12. Übelkeit, 13. Atemnot, 14. Augenbrennen, 15. Bauchschmerzen

 

Die Schwierigkeiten für Beschwerden auslösende Umweltschadstoffe (Tabelle 7) variieren nach den Mittelwerten bzw. den Prozentsätzen bejahender Antworten für die nachträglich dichotomisierten Antworten zu den beiden Messzeitpunkten zwischen .31/.21 bzw. .12/.09 (Item 10: Elektrogeräte) und 1.68/1.62 bzw. .54/.60 (Item 5: Zigarettenrauch).

 

Tabelle 7

Prozentsatz zustimmender Antworten (%) bzw. Mittelwerte (M) und korrigierte Trennschärfen (T) für dichotomisierte bzw. originäre polytome IUI-Items zu Auslöserreizen sowie Cronbachs Alpha (CA) für die IUI-Subskala Auslöser nach der ersten (T1; N=166) und der zweiten (T2; N=159) Erhebung

 

Beschwerdesymp.+

Beschwerdedauer*

 

T1

T2

T1

T2

Item

%

T

%

T

M

T

M

T

1  

.43

.67

.54

.64

1.22

.73

1.37

.70

2  

.49

.52

.56

.58

1.33

.67

1.34

.62

3  

.29

.66

.30

.54

.90

.68

.87

.59

4  

.40

.74

.49

.63

1.16

.80

1.18

.78

5  

.54

.56

.60

.48

1.68

.65

1.62

.65

6  

.42

.59

.38

.64

1.03

.69

.94

.72

7  

.28

.70

.29

.60

.76

.67

.69

.64

8  

.27

.55

.31

.53

.77

.55

.69

.62

9  

.36

.66

.43

.68

1.12

.71

1.14

.73

10 

.12

.45

.09

.37

.31

.42

.21

.34

11 

.37

.59

.48

.62

1.19

.65

1.28

.68

12 

.43

.67

.54

.73

1.33

.74

1.52

.80

13 

.36

.70

.40

.62

1.06

.70

1.14

.60

14 

.20

.48

.20

.37

.66

.50

.62

.45

15 

.43

.58

.50

.48

1.14

.66

1.15

.52

CA 

 

.91

 

.90

 

.93

 

.92

Anm. + = Beschwerdesymptom: ja/nein,* = Beschwerdedauer dichotomisiert: seit 6 Monaten ja/nein, 1. Autoabgase, 2. Parfüms, 3. Pestizide (Schädlingsbekämpfung), 4. Haushaltsreiniger, 5. Zigarettenrauch, 6. neue Kleider, 7. Möbel, 8. Teppiche, 9. Ölfarben, 10. Elektrogeräte, 11. Haarsprays, 12. Lacke /Sprays, 13. Benzin, 14. Amalgamfüllungen, 15. Luftverschmutzung

 

Nach den entsprechenden Werten für Vermeidung eines Kontakts (Tabelle 8) mit diesen Auslösern ist zwar ebenfalls Item 10 zu beiden Messzeitpunkten das leichteste, d.h. der am seltensten gemiedene IUI-Auslöser. Ähnlich schwierig, d.h. mit am häufigsten gemieden, werden insbesondere nach dem zweiten Messzeitpunkt neben Zigarettenrauch (Item 5) aber auch Auslöser wie Autoabgase (Item 1) neue Kleider (Item 6), Pestizide (Item 3) sowie Lacke/Sprays (Item 12).

 

Tabelle 8

Prozentsatz zustimmender Antworten (%) bzw. Mittelwerte (M) und korrigierte Trennschärfen (T) für dichotomisierte bzw. originäre polytome IUI-Items zur (Auslöser-) Kontaktvermeidung und Cronbachs Alpha (CA) für die IUI-Subskala (Auslöser-) Kontaktvermeidung nach der ersten (T1; N=166) und der zweiten (T2; N=159) Erhebung

 

Dichotomisierte+

Polytome Daten*

 

T1

T2

T1

T2

Item

S+

T

S+

T

S*

T

S*

T

1  

.60

.67

.69

.52

1.82

.70

1.86

.62

2  

.55

.49

.63

.58

1.61

.56

1.70

.59

3  

.45

.66

.65

.55

1.59

.69

2.21

.59

4  

.48

.67

.60

.58

1.47

.73

1.56

.70

5  

.60

.53

.69

.50

1.87

.64

1.94

.64

6  

.54

.50

.75

.43

1.84

.59

2.46

.47

7  

.27

.63

.31

.63

.80

.60

.82

.64

8  

.30

.63

.34

.54

.99

.63

.94

.56

9  

.37

.71

.54

.62

1.19

.73

1.63

.73

10 

.20

.51

.23

.35

.58

.52

.52

.41

11 

.41

.59

.53

.64

1.44

.65

1.61

.72

12 

.48

.68

.65

.63

1.63

.70

2.01

.74

13 

.45

.62

.57

.55

1.37

.64

1.55

.62

14 

.30

.41

.54

.26

1.16

.38

1.94

.28

15 

.37

.65

.50

.38

1.02

.64

1.14

.40

CA 

 

.91

 

.87

 

.92

 

.90

Anm. S+ = Auslöser werden meistens  immer gemieden, S* = Mittelwerte für polytome Auslöser-Items, 1. Autoabgase, 2. Parfüms, 3. Pestizide (Schädlingsbekämpfung), 4. Haushaltsreiniger, 5. Zigarettenrauch, 6. neue Kleider, 7. Möbel, 8. Teppiche, 9. Ölfarben, 10. Elektrogeräte, 11. Haarsprays, 12. Lacke /Sprays, 13. Benzin, 14. Amalgamfüllungen, 15. Luftverschmutzung

 

Die korrigierten Trennschärfekoeffizienten für Auslöser (Tabelle 6) und Beschwerden (Tabelle 7) liegen nach den polytomen Daten überwiegend im mittleren Bereich. Die Vermeidung von Amalgamfüllungen (Tabelle 8, Item 14) ist zwar mit Werten < .30 für dichotome und polytome Daten jeweils zum zweiten Erhebungszeitpunkt wenig trennscharf. Die entsprechenden Werte für den ersten Erhebungszeitpunkt liegen jedoch mit .41 bzw. .38 im akzeptablen Bereich.


 

5 Gütekriterien

 

Reliabilität

Nach Cronbachs Alpha Werten zwischen .84 und .88 für Beschwerden (Tabelle 6), zwischen .90 und .93 für Auslöser (Tabelle 7) sowie zwischen .87 und .92 für Kontaktvermeidung (Tabelle 8) ist die interne Konsistenz der IUI-Subskalen als gut zu beurteilen. Auch die Retest-Reliabilitäten nach einem Jahr sind mit Werten von .82 für Beschwerden, von .85 für Auslöser und von .77 für Kontaktvermeidung zufriedenstellend. Mit einer 2-faktoriellen ANOVA mit Messwiederholung (Tabelle 9) wurde geprüft, ob sich die Mittelwerte für die drei IUI-Facetten in den Gruppen von Befragten mit und ohne IUI-Diagnose in der Ersterhebung für den ersten und zweiten Erhebungszeitpunkt bedeutsam unterscheiden. Sie weist nicht nur die Haupteffekte für die Faktoren Gruppe und Messzeitpunkt als statistisch bedeutsam aus, sondern auch die Interaktion zwischen den beiden Faktoren.

Die Unterschiede zwischen Personen mit und ohne IUI-Diagnose sind also auch nach dem 1-Jahres-Zeitraum noch signifikant. Die Zahl der IUI-Auslöser und der vermiedenen IUI-Auslöser verringert sich jedoch bei den Teilnehmern mit IUI-Diagnose und nimmt zu bei den Teilnehmern ohne IUI-Diagnose. Diese Veränderungen sind kompatibel mit einem Effekt der "Regression zur Mitte", der dadurch entstehen könnte, dass die Zuordnung zu jeder der beiden Gruppen auf der Grundlage extremer Werte im IUI-Screening erfolgte (Tabelle 9). Dies gilt jedoch nicht für die Zahl der Auslöser, die bei beiden Gruppen vom ersten zum zweiten Messzeitpunkt zunimmt. Hier ist zu vermuten, dass im Zeitraum von einem Jahr beide Gruppen neue Beschwerden erfahren und die beim ersten Zeitraum aktuellen Beschwerden jetzt unter "früher" angegeben werden, so dass eine insgesamt höhere Zahl von Beschwerden als beim ersten Messzeitpunkt resultiert.

 

Tabelle 9

Mittelwerte (M) und Standardabweichungen (SD) für die IUI-Subskalen nach der ersten (T1) und zweiten (T2) Erhebung für Teilnehmer beider Erhebungen (N=159) mit (D; N=56) und ohne IUI-Diagnose (KD; N=103) nach T1 sowie partial eta2-Werte (E) nach einer ANOVA mit Messwiederholung zum Vergleich dieser Mittelwerte

 

D

KD

ANOVA-Faktoren*

 

T1

T2

T1

T2

Diag.

Zeit

DxT

IUI-Beschwerden

M

8.55

8.88

2.11

3.46

206.6

19.1

7.2

SD

3.46

3.37

2.07

2.51

 

 

 

E

 

 

 

 

.57

.11

.04

IUI-Auslöser

M

8.02

7.04

0.57

0.98

477.0

2.9

17.0

SD

3.08

3.32

0.82

1.46

 

 

 

E

 

 

 

 

.75

.02

.10

IUI-Vermeidung

M

9.93

9.57

1.98

3.42

376.0

5.4

14.9

SD

3.03

2.95

1.96

2.71

 

 

 

E

 

 

 

 

.71

.03

.09

Anm. Partial eta2 = Effektstärke (klein = .01, mittel = .06, groß = .14), * = Alle F-Werte sind mindestens auf dem 5%Niveau signifikant

 

Zur Ermittlung der Interrater-Reliabilität wurden die Erstinterviews von 30 Probanden (10 Personen mit IUI-Syndrom, 10 Personen mit somatoformer Störung nach DSM-IV und ohne IUI-Syndrom, 10 Personen ohne somatoformes und IUI-Syndrom) nicht nur durch den Interviewer, sondern auch durch einen während der Befragung anwesenden "stillen" Co-Rater beurteilt. Die Intra-Klassen Korrelationen für die drei IUI-Subskalen betrugen jeweils .99 und Kappa für die IUI-Diagnose .92.

 

Validität

Die Summenwerte für die drei IUI-Subskalen korrelieren hoch (Tabelle 5, .72 < r < .82) mit dem Summenwert für die Chemische Geruchssensitivitätsskala (CGSS; Kiesswetter et al., 1999). Im Vergleich zu Personen ohne eine interviewbasierte IUI-Diagnose nehmen Interviewte mit einer solchen Diagnose wegen ihrer Umweltintoleranzen signifikant häufiger medizinische Hilfe in Anspruch, führen aktuell häufiger Diäten und spezielle Vorsichtsmaßnahmen in ihrer Wohnung zu ihrer Bekämpfung durch, geben häufiger Schwierigkeiten an, sich in Kaufhäusern aufzuhalten, in Restaurants zu essen oder bestimmte Tätigkeiten auszuüben. Werden die Daten von Interviewten mit somatoformen Störungen bei der Erstuntersuchung aus den Berechnungen ausgeschlossen, zeigen sich ferner signifikante Unterschiede zwischen Interviewten mit und ohne IUI-Diagnose in der subjektiven Einschätzung ihres allgemeinen Gesundheitszustandes, der Häufigkeit von Arbeitsunfähigkeitsperioden sowie einer Berentung. Diese Ergebnisse sprechen für die Validität der mit dem IUI-Interview erfassten Antworten.

 

Deskriptive Statistiken (Normierung)

Die Antwortverteilungen (% bejahender Antworten) für die Items zur Erfassung von durch Umweltchemikalien ausgelösten Beschwerden (Tabelle 6) und deren Dauer (Frage 3 des SI) nach den beiden Erhebungszeitpunkten liegen vor, ebenso die für die Häufigkeit, mit der bestimmte Umweltreize Beschwerden auslösen (Tabelle 7) und vermieden (Tabelle 8) werden (Frage 2 des SI), jeweils nach dem polytomen und dem nachträglich dichotomisierten Antwortformat. Die drei Summenwerte für IUI-Auslöser, -Beschwerden- und -Vermeidung unterscheiden sich zu keinem der beiden Untersuchungszeitpunkte signifikant in Abhängigkeit vom Geschlecht (t < 1.34, p > .18) und der Schulbildung (FHR/Abitur: ja vs. nein; t < 1.42, p > .16). Personen mit selbstberichteter Allergie erzielen jedoch zu beiden Messzeitpunkten höhere Summenwerte für diese drei IUI-Bereiche als Nicht-Allergiker (t > 4.25, p < .001).


 

6 Literatur und Datenquellen

 

Kontakt zu Autor(en)

-       Josef Bailer, PD Dr., E-mail: bailer@zi-mannheim.de; Michael Witthöft, Dipl.-Psych.; Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Abteilung Klinische Psychologie, J5, 68159 Mannheim.

-       Fred Rist, Dipl. Psych., Prof. Dr., e-mail: rist@uni-muenster.de, Wilhelms-Universität Münster, Psychologisches Institut I, Fliednerstr. 21, 48194 Münster.

 

Literaturverzeichnis

Glöckner-Rist, A., & Hoijtink, H. (2003). The best of both worlds: Factor analysis of dichotomous data using item response theory and structural equation modelling. Structural Equation Modelling, 10 (4), 544-565. (http://www.gesis.org/download.php?url=/fileadmin/upload/dienstleistung/methoden/spezielle_dienste/zis_ehes/best.pdf)

Hu, L. T., & Bentler, P. M. (1999). Cutoff criteria for fit indices in covariance structure analysis: conventional criteria versus new alternatives. Structural Equation Modelling, 6, 1-55.

Kiesswetter, E., Sietmann, B., Zupanic, M., van Thriel, C., Golka, K., & Seeber, A. (1999). Verhaltenstoxikologische Aspekte der Prävalenz und Ätiologie multipler chemischer Sensitivität. Allergologie, 22, 719-735.

Kreutzer, R., Neutra, R., Lashuay, N. (1999). Prevalence of people reporting sensitivities to chemicals in a population-based survey. American Journal of Epidemiology, 150, 1-12.

Kreutzer, R. (2000). Idiopathic environmental intolerance: case definition issues. Occupational Medicine: State of the Art Reviews, 15, 511-517.

Muthén, L. K., & Muthén, B. O. (1998). Mplus User's Guide. Los Angeles: Muthen & Muthen.

Szarek, M. J., Bell, I. R., & Schwartz, G. E. (1997). Validation of a brief screening measure of environmental chemical sensitivity: the chemical odor intolerance index. Journal of Environmental Psychology, 17, 345-351.