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Inventar lebensverändernder Ereignisse

  • Autor/in: Siegrist, J. & Geyer, S.
  • In ZIS seit: 1997
  • DOI: https://doi.org/10.6102/zis92
  • Zusammenfassung: Das Instrument erfasst, ob in den letzten zwei Jahren lebensverändernde Ereignisse aufgetreten sind und wie diese subjektiv erlebt wurden. Lebensverändernde Ereignisse sind relevant, da sie eine Neuan ... mehrpassung erfordern und so zum Ausbruch einer Krankheit beitragen können. weniger
    Abstract: The instrument records whether life-changing events have occurred in the last two years and how they have been subjectively experienced. Life-changing events are relevant because they require readjust ... mehrment and can contribute to the outbreak of a disease. weniger
  • Sprache Dokumentation: deutsch
  • Sprache Items: deutsch
  • Anzahl der Items: 34
  • Reliabilität: Retest-Reliabilität = .38 bis .73
  • Validität: Hinweis auf die Kriteriumsvalidität
  • Konstrukt: lebensverändernde Ereignisse, kritische Lebensereignisse
  • Schlagwörter: Stress, Veränderung, Ereignis, Anpassung | triggers, stress, change
  • Item(s) in Bevölkerungsumfrage eingesetzt: nein
  • Entwicklungsstand: validiert
    • Instruktion

      Die den Vpn vorgegebenen Instruktionen lauten:

      a)     Eingangsinstruktionen: Im Alltagsleben gibt es gelegentlich Ereignisse, die einen seelisch stark belasten oder sogar vorübergehend aus der Bahn werfen können. Ich lese Ihnen gleich eine Liste solcher möglicher Ereignisse vor. Sagen Sie mir bitte jeweils, welche Ereignisse bei Ihnen selbst oder bei Ihren engsten Angehörigen während der letzten 2 Jahre eingetreten sind. Also von heute an zurückgerechnet 2 Jahre. Engste Angehörige, das sind Ihre Ehepartnerin (bzw. Ihre feste Freundin), Ihre Kinder, Ihre eigenen Eltern und Geschwister, Ihre Schwiegereltern, sowie Ihr bester Freund. (Wird eine Pbn-Gruppe mit einer Krankheit untersucht, deren Ausbruch zeitlich klar lokalisierbar ist, so wird der 2-Jahres-Zeitraum nicht vom Interviewdatum aus (s.o.), sondern vom Datum des Krankheitsausbruchs aus zurückgerechnet.)

      b)     Zusatzinstruktionen zu den Belastungsskalen: Sie sagten eben, dass bei Ihnen (bzw. einem Angehörigen) das Ereignis (Ereignis nennen) ... aufgetreten ist. Wir möchten nun noch etwas genauer wissen, wie das damals war. Bitte füllen Sie hierzu den folgenden Bogen aus! (Bogen übergeben) (Nach den ersten beiden Fragen folgt dann noch ein Hinweis zu den 5- Punkt-Skalen): Nun folgen einige Aussagen, mit denen Sie dieses Ereignis etwas näher beurteilen sollen. Kreuzen Sie bitte bei jeder Aussage die Zahl an, die am ehesten Ihren damaligen Zustand beschreibt.

       

      Items

      Nr.

      Item

      1

      Ist bei Ihnen selbst eine schwere körperliche Krankheit aufgetreten? D.h., eine Krankheit oder Operation, um derentwillen Sie ins Krankenhaus mussten oder die Sie länger als 10 Tage an das Bett gebunden hat (auch größere Zahnbehandlung)?

      1a

      Ist dies in Ihrer eigenen Familie oder im engsten Freundeskreis geschehen?

      2

      Falls Sie ein chronisches Leiden besitzen, hat sich in diesem Zeitraum irgendwann eine wesentliche Verschlechterung gezeigt?

      3

      Haben Sie einen Unfall oder eine größere Verletzung erlitten?

      4

      Hat sich bei Ihnen/Ihrer Partnerin eine Schwangerschaft ereignet mit Abtreibung/Fehlgeburt/Totgeburt?

      5

      Ist bei Ihnen eine größere seelische Krise aufgetreten (z.B. Selbstmordgedanken, starke Ängste, starke Schlafstörungen)?

      5a

      Ist dies in Ihrer eigenen Familie oder im engsten Freundeskreis geschehen?

      6

      Ist jemand aus Ihrer Familie in diesem Zeitraum gestorben: der Partner, ein Kind, ein Elternteil oder ein Geschwister?

      7

      Ist jemand aus Ihrem engsten Freundeskreis oder Ihrem engsten Verwandtenkreis (1. Grades) gestorben?

      8

      Sind Sie oder jemand aus Ihrer Familie Opfer eines Überfalls, Raubes oder Einbruchs geworden?

      9

      Sind Sie Zeuge eines Unglücks, eines Überfalls oder eines Raubes gewesen?

      9a

      War jemand aus der eigenen Familie bzw. dem engsten Freundeskreis Opfer dabei?

      10

      Haben Sie eine für Sie wichtige Prüfung abgelegt?

      11

      Wurde gegen Sie oder Ihren Partner ein Strafverfahren eingeleitet, oder wurden Sie in einen Zivilprozess verwickelt?

      12

      Haben Sie einen geliebten wertvollen Gegenstand Ihres Besitzes verloren oder vielleicht ein Haustier, das Ihnen viel bedeutet?

      13

      Haben Sie aufgehört zu arbeiten, wegen Frühinvalidität, Entlassung, aus anderem Grund?

      13a

      Hat Ihr(e) Partner(in) ein Arbeitsverhältnis begonnen oder beendet (beendet wegen Entlassung, wegen Frühinvalidität, aus anderem Grund)?

      14

      Sind Sie länger als 3 Monate arbeitslos gewesen?

      15

      Sind Sie befördert oder versetzt worden (Auf- oder Abstieg, gleichbleibend)?

      16

      Hat sich bei Ihrer eigenen Arbeit die Verantwortung verändert (mehr/weniger, Über-, Unterforderung)?

      17

      Haben Sie Ihre Tätigkeit oder Arbeitsstelle gewechselt?

      18

      Haben sich bei Ihnen die äußeren Arbeitsbedingungen verändert (z.B. neue Maschinen, neue Räume, andere Arbeitszeiten)?

      19

      Sind engste Mitarbeiter (Vorgesetzte/ Untergebene/Kollegen) weggegangen oder neu dazu gekommen?

      20

      Hat es mit engsten Mitarbeitern (Vorgesetzten/Untergebenen/ Kollegen) schwerwiegendere Konflikte gegeben (z.B. Kompetenzstreitigkeiten, mangelnder Arbeitseinsatz, Gehalts- und Urlaubsfragen)?

      21

      Sind Sie größeren finanziellen Belastungen ausgesetzt gewesen (z.B. Verschlechterung des Einkommens, Schuldenbezahlung, Zwang zur Aufnahme eines Nebenberufes, Unterstützung von Angehörigen)?

      22

      Hat sich Ihre Wohnsituation entscheidend verändert (Umzug - freiwillig/ erzwungen, Um- oder Anbau, Verkehrsveränderungen oder Baustelle)?

      23

      Gab es Auseinandersetzungen mit dem Vermieter oder mit Nachbarn?

      24

      Kam eine Scheidung oder Wiederverheiratung Ihrer Eltern oder eines Ihrer Kinder vor?

      25

      Gab es im engsten Familien- oder Freundeskreis schwere Auseinandersetzungen?

      26

      Haben Sie eine für Sie wichtige Beziehung mit einer neuen Person begonnen (Partnerwahl, Heirat, Freundschaft)?

      27

      Hat es einen Abbruch einer engen, wichtigen Beziehung für Sie gegeben (Trennung od. Scheidung vom Partner)?

      28

      Sind von Ihrem Partner oder Ihnen selbst intime Beziehungen zu einem anderen Menschen aufgenommen worden, die Ihre Gemeinsamkeit belastet haben?


       

      29

      Haben Sie bei einem Ihrer Kinder etwas entdeckt, was Sie stark betroffen hat (z.B. Diebstahl, unerwünschtes sexuelles Verhalten, unerwünschte Freunde, häufiges Schuleschwänzen, usw.)?

      30

      Hat eines Ihrer Kinder das Haus verlassen (aufgrund von Partnerbindung oder Heirat mit Zustimmung/ohne Zustimmung; Schule oder Arbeit, sonstiges)?

      31

      Sind Sie von einem politischen oder wirtschaftlichen Ereignis persönlich stark betroffen worden (z.B. Wirtschaftskrise, Streik, Umweltkatastrophe, Kriegsausbruch)?

      32

      Sind Sie von einem für Sie wichtigen Menschen tief enttäuscht oder gekränkt worden?

      33

      Hat Ihnen jemand Unrecht getan, ohne dass Sie sich entsprechend zur Wehr setzen konnten?

      34

      Gab es sonst in den letzten 2 Jahren irgendein für Sie wichtiges Ereignis, das bisher noch nicht angesprochen wurde?

      35

      Überlegen Sie jetzt zum Schluss, ob Sie in den letzten 4 Wochen irgendetwas Aufregendes, Belastendes erlebt oder erfahren haben, das bisher noch nicht zur Sprache gekommen ist.

       

      Zusatzskalen: Nach einer Beschreibung jedes belastenden Ereignisses ist für jedes ein Zusatzblatt mit den folgenden Fragen auszufüllen:

      Nr.

      Item

      1

      Wann ist dieses Ereignis eingetreten: Jahr..... Monat ...... ?

      2

      War es das erste Mal in Ihrem Leben, dass Ihnen dies zustieß?

      3

      Nun folgen einige Aussagen, anhand derer Sie dieses Ereignis etwas näher beurteilen sollen.

       

      Kreuzen Sie bitte bei jeder Aussage die Zahl an, die am ehesten Ihren damaligen Zustand beschreibt.

      Nr.

      Item

      3.1

      Das Ereignis war für mich völlig unvorhersehbar.

      3.2

      Dem Ereignis habe ich zuerst völlig ausgeliefert gegenüber gestanden.

      3.3

      Als das Ereignis eintrat, ging es mir ansonsten recht gut.

      3.4

      Das Ereignis hat mich vollkommen im  Kern getroffen.

      3.5

      Das Ereignis hat mich damals gezwungen, meinen Alltag anders einzuteilen.

      3.6

      Nach dem Ereignis konnte ich aus eigenen Kräften nichts Entscheidendes tun, um die Situation besser zu ertragen.

      3.7

      Ich fühlte mich nach dem Ereignis alleingelassen.

      3.8

      Hilfsangebote von anderen gab es nach dem Ereignis reichlich.

      3.9

      Das Schlimmste an dem Ereignis war, dass es mich so viel nervliche Kraft gekostet hat.

      3.10

      Durch dieses Ereignis fühle ich mich heute noch belastet.

       

      Antwortvorgaben

      Das Fragebogeninstrument besteht aus einer vom Interviewer abzufragenden Liste von Lebensereignis(LE)-Items mit vom Probanden auszufüllenden Skalen zur subjektiven Belastungseinschätzung erlebter LE. Die einzelnen Indikatoren für LE-Erfahrungen und LE-Belastungen werden wie folgt erfasst:

      Ereignisliste:

      Unterschieden wird jeweils, ob und wie häufig ein bestimmtes LE im 2-Jahreszeitraum bei einem Pbn aufgetreten ist, bzw. wie häufig ein bestimmtes LE-Item zutrifft: 0 = LE nicht aufgetreten (bzw. nicht genannt), 1, 2, ...n = Häufigkeit von LE-Nennungen bei einem LE-Item.

      Zusatzskalen:

      -       Nr. 1 (Eintrittszeitpunkt): Erfasst wird Monat und Jahr eines LE-Eintritts; berechnet wird dann der Zeitabstand des LE-Eintritts zum Befragungstermin (oder einem anderen Zeitpunkt-Kriterium) (Absolutskala): 1, 2, ...n = Anzahl von Monaten (oder Wochen).

      -       Nr. 2 (Ereignisroutine): Die Häufigkeit einer spezifischen LE- Erfahrung über den 2-Jahreszeitraum hinaus wird dichotom erfasst ("abgeschnittene" Ordinalskala): ja = Ereignis wurde zum ersten Mal erlebt, nein = Ereignis wurde schon einmal bzw. schon mehrmals erlebt.

      -       Nr. 3 - 11 (Belastungsskalen): Der Grad der Zustimmung oder Ablehnung des Zutreffens bestimmter Belastungs-Indikatoren für ein erlebtes LE wird auf 5-Punkte- Skalen (Ordinalskalen) mit den verbalen Polen "stimmt" und "stimmt nicht" erfasst.

      Von den 34 Items sind 32 inhaltlich gebunden, 2 sind offene Fragen nach Ereignissen.

      Auf einem Zusatzblatt werden der genaue Zeitpunkt des LE-Eintritts und die subjektiven Einschätzungen betroffener Pbn zur Ereignisroutine und zu den weiteren Belastungsdimensionen erfasst.

       

      Auswertungshinweise

      Es wird eine ungewichtete oder gewichtete Summenskalierung (bzw. Likert-Skalierung bei den Belastungsskalen) vorgenommen, die sich - mit Einschränkungen - wie folgt begründen lässt:

      -       Die Indizes sind vergleichbar mit Indizes vergleichbarer Instrumente.

      -       Ein Teil der Indizes erlaubt Aussagen zum Auftreten von LE und LE-Charakteristika an sich bzw. Aussagen (z.B. Gruppendifferenzierungen) auf der manifesten Ebene, d.h. ohne auf eine latente (Belastungs-) Ebene zu rekurrieren oder rekurrieren zu müssen.

      -       Sie sind - in gewissem Ausmaß - durch das theoretische Belastungskonzept begründbar: nach dem Kumulierungsmodell wächst die Belastungswirkung mit der Anzahl und Ausprägung der einzelnen Belastungsfaktoren.

      Die Standardauswertung unterscheidet folgende Indexbildungen:

      -       LE- Betroffenheit: Befragte Pbn werden zunächst danach differenziert, ob sie im 2-Jahres-Zeitraum überhaupt LE erlebten oder nicht.

      -       LE- Anzahl: Ermittelt wird die Summe der erlebten LE, die den Ereigniskriterien genügen. In früheren Untersuchungen  wurde weiter differenziert zwischen der Summe aufgetretener (genannter) LE und der Summe belastender LE (vgl. Siegrist et al., 1980).

      -       Belastungswert (pro LE): Dieser Index wird durch Summierung und Gewichtung der Belastungsskalen in folgender Weise  gebildet: Als Indikator für eine ansteigende Belastung durch ein LE gilt jeweils, je geringer die Vorsehbarkeit, Kontrollierbarkeit, aktive Bewältigungsmöglichkeit, soziale Unterstützung) und Ereignisroutine sowie je größer die situative Vulnerabilität, subjektive Relevanz, Unterbrechung von Alltagsroutinen, Bewältigungskosten und aktuelle Belastung bei einem LE eingeschätzt wird.

      Die Skalen werden dementsprechend in Richtung "Belastung" recodiert (trifft nicht zu auf die Dimension "Kontrollierbarkeit"), wobei bei den 5-Punkte- Skalen dann eine 0 für fehlende Belastung und die 4 für starke Belastung steht.

      -       Gebildet wird zunächst die Summe der resultierenden Skalen 3 - 10.

      -       Dazu wird ein Gewichtungsscore zwischen 0 und 8 Punkten addiert, der umso größer ist, je länger ein Ereignis schon zurückliegt (Nr. 1) und je höher die verbliebene LE-Belastung zum Zeitpunkt der Befragung eingestuft wird (Nr. 11). Die Gewichtung wird anhand des folgenden Schlüssels vorgenommen: Wenn auf dem Zusatzblatt Frage 9 ("Belastung durch das Ereignis dauert auch heute noch fort") gegeben wurden:

       

      Tabelle 1

      Indexbildung

      Rating

      Abstand zwischen

      Ereignis und Interview

      Gewichtung

      4 Punkte

      4 bis 7 Monate

      8 Punkte

      4 Punkte

      6 bis 0 Monate

      7 Punkte

      3 Punkte

      24 bis 7 Monate

      6 Punkte

      3 Punkte

      6 bis 0 Monate

      5 Punkte

      2 Punkte

      24 bis 7 Monate

      4 Punkte

      2 Punkte

      6 bis 0 Monate

      3 Punkte

      1 Punkt

      24 bis 7 Monate

      2 Punkte

      1 Punkt

      6 bis 0 Monate

      1 Punkt

      0 Punkte

       

      0 Punkte

       

      -       Zusätzlich wird ein Gewichtungsscore von 4 Punkten addiert, wenn ein LE zum ersten Mal erlebt wurde.

      Der resultierende Belastungswert pro Ereignis kann somit maximal 48 (44) Punkte betragen; Die Zahlen in Klammern geben die Werte für die vorangegangene, bis 1991 verwendete Version der Zusatzblätter mit nur einer Frage nach sozialer Unterstützung an. 1 - 18 (1- 14) Punkte gelten als niedriger, 19- 32 (15 - 28) Punkte als mittlerer und 33- 48 (29 - 44) Punkte als hoher Belastungswert.

      -       Belastungssummenwert (pro Pb): Der Index entsteht durch Summation der Belastungswerte (pro LE) über die erlebten LE einer Person.

      Über diese Standardauswertung hinaus können - je nach Fragestellung und Untersuchungsziel  - folgende Indizes und Größen den Interpretationsrahmen erweitern:

      -       Bildung von Indizes zu Risikokonstellationen (z.B. Kombination von LE und chronischen Schwierigkeiten)

      -       Bildung von Belastungsindizes für bestimmte Zeitabschnitte (vgl. hierzu ausführlicher: Dittmann, in Siegrist et al. 1980, S. 209f., 1983b).

       

    Die Lebensereignisforschung entwickelte sich im Wesentlichen in den späten 60er Jahren, hauptsächlich angestoßen durch die Veröffentlichung der "Social Readjustment Rating Scale" von Holmes und Rahe (1967).

    Sie stellt eine Reformulierung des "Life-chart"- Ansatzes von Meyer dar, der bereits Anfang des Jahrhunderts zu dieser Thematik arbeitete (Winters, 1951). Inhaltlich ist die Lebensereignisforschung bestimmt durch Fragestellungen nach Zusammenhängen zwischen lebensverändernden Ereignissen und der Entstehung oder dem Ausbruch von psychischen und physischen Krankheiten.

    Sofern den entsprechenden Untersuchungen theoretische Konzepte zugrundliegen, kann als gemeinsame Grundannahme gelten, dass Lebensereignisse personale und/ oder soziale Veränderungen bewirken, die eine Neuanpassung erfordern (s. Filipp, 1981, 23ff.). Dies beinhaltet Problembewältigungen und Neuorientierungen, die vom Individuum in unterschiedlich effizientem Maß erbracht werden können (vgl. Lazarus & Folkman, 1984). Im Gegensatz zu Laborstressoren einerseits und globalen Katastrophen andererseits geht es in der sozialepidemiologischen Lebensereignisforschung um "natürliche Ereignisse", die trotz einer z.T. geringen Auftretenswahrscheinlichkeit zum normalen Erwartungshorizont einer Person gehören (Unfälle, plötzliche Todesfälle, aber auch normative oder Lebenszyklusereignisse wie eine Heirat).

    Die ersten Arbeiten, wie auch implizit die Arbeit von Holmes & Rahe (1967), gingen davon aus, dass jedes Ereignis, das eine Neuanpassung erfordert, durch seinen Anforderungscharakter potentiell zur Entstehung oder zum Ausbruch einer Krankheit beitragen kann. Als eines der gesicherten Ergebnisse dieser Forschungsrichtung kann mittlerweile aber gelten, dass es nur die negativen oder belastenden Ereignisse sind, die derartige Wirkungen hervorrufen können (vgl. dazu Cohen, 1988).

    Unterschiede in den Lebensereignisansätzen ergeben sich aus der Art der Theoriebildung, d.h., welche Dimensionen für die Beschreibung von Ereignissen als wichtig erachtet werden (Zumessung eines einzelnen allgemeinen Wertes für den Schweregrad von Ereignissen oder mehrere Faktoren wie etwa Vorhersehbarkeit, Wünschbarkeit, Kontrollierbarkeit), ob unter dem Begriff nur Ereignisse mit zeitlich eng lokalisierbarem Auftreten oder auch chronische Schwierigkeiten verstanden werden, etc..

    Methodisch können Ereignisse auf dreierlei Art erfasst werden:

    Der erste Ansatz basiert auf einer einfachen Ereignisliste mit oder ohne feste Gewichtungen. Beispiele dafür sind die Arbeiten von Holmes & Rahe (1967) und Johnson (1986).

    Der zweite Ansatz geht von der subjektiven Einschätzung der Ereignisse auf einer oder mehrerer Dimensionen aus (z.B. Dohrenwend et al., 1978; Maier- Diewald et al., 1983).

    Die dritte Herangehensweise basiert auf Fremdratings anhand kontextueller Merkmale, die durch geschulte Interviewer vorgenommen werden (Geyer, 1991). Ein solches Verfahren ist die Life Events and Difficulites Scale (LEDS) von Brown & Harris (1978).

    Das ILE lässt sich der zweiten Gruppe zuordnen und stellt damit einen u.E. tragfähigen Kompromiss dar zwischen der guten Handhabbarkeit aber unzureichenden Sensitivität für die Streuung der Ereignisschwere in der ersten Gruppe einerseits und der aufwendigen Erhebungs- und Auswertungsprozeduren der dritten Gruppe andererseits.

    Die vorliegende Instrumentenbeschreibung ist eine revidierte Fassung der Dokumentation von Johannes Siegrist und Klaus Dittmann aus dem Jahr 1983. Das ILE ist ein Instrument zur Erfassung "lebensverändernder Ereignisse" (LE) und der resultierenden Belastung. Es werden nicht nur Anzahl, Art und zeitliche Sequenz von LE in einem 2-Jahres-Zeitraum ermittelt, sondern auch individuelle Einschätzungen betroffener Pbn zu jeweils erlebten LE.

    Das dem ILE zugrundeliegende Belastungskonzept (bzw. -konstrukt) geht davon aus, dass - entsprechend dem sog. "Kumulationsmodell"- folgende Indikatoren für Belastungen durch LE (in einem 2- Jahres-Zeitraum) differenziert und kombiniert werden müssen:

    1)     Die Auftretenshäufigkeit von LE (bzw. die gewichtete oder ungewichtete Summe genannter LE der Liste);

    2)     die zeitliche Dichte erlebter LE;

    3)     die Art erlebter LE (z.B. nach dem durchschnittlich zu erwartenden Veränderungs- bzw. Problemausmaß durch ein bestimmtes LE);

    4)     Besonderheiten eines bestimmten erlebten LE, Besonderheiten von Lebenssituationen und Alltagskontext des betroffenen Individuums und seiner psychischen und physischen Verfassung beim Auftreten eines Ereignisses sowie längerfristige Folgebelastungen.

    Folgende ereignisbezogene Aspekte werden beim ILE durch subjektive Einschätzungen betroffener Pbn auf 5-Punkte-Skalen erfasst:

    -       Grad der Vorhersehbarkeit,

    -       Grad der Kontrollierbarkeit,

    -       Grad der situativen Vulnerabilität zum Zeitpunkt des Eintritts,

    -       Grad der Relevanz des LE im subjektiven Orientierungssystem

    -       Grad der Unterbrechung von Alltagsroutinen (bzw. von Antizipationssystemen)

    -       Grad der aktiven Bewältigungsmöglichkeit durch das betroffene Individuum,

    -       Grad der sozialen Unterstützung bei der Bewältigung (zwei Fragen auf dem Zusatzblatt),

    -       Grad der sog. "Bewältigungskosten" bei einem LE,

    -       Grad der aktuellen Belastung durch ein LE zum Zeitpunkt der Befragung,

    -       Grad der früheren Erfahrungen mit einem LE ("Ereignisroutine").

    5)     Weitere Belastungsindikatoren (z.B. chronische Schwierigkeiten, von Ereignissen unabhängige soziale Unterstützung, riskante Verhaltensmuster) werden nicht durch das ILE abgedeckt, sondern verlangen die zusätzliche Berücksichtigung anderer Instrumente.

    Weiterhin lassen sich Schwerpunkte der Fragestellungen und Forschungsziele zu Lebensereignissen nach Fachdisziplinen unterscheiden:

    In der Psychologie, insbesondere in der Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters und der Lebensspanne (z.B. Baltes et al., 1980) wird gefragt, inwieweit und unter welchen Bedingungen Lebensereignisse die Erklärung menschlichen Verhaltens und Erlebens und ihrer Variabilität über die Zeit erlauben (Filipp, 1981: 3).

    In der Soziologie- insbesondere in der Soziologie des Lebenslaufs und der Biographieforschung (Kohli, 1978; 1986; Mayer, 1990) wird untersucht, welchen Einfluß sozialstrukturelle Bedingungen auf das Ereignisauftreten und Chancen zu deren Bewältigung nehmen, welche normativen Ereignissequenzen im Lebenslauf zu erwarten sind und welche Bedeutung lebensverändernden Ereignissen im Lebenslauf für die Ausbildung von Einstellungen und Handlungskompetenzen zukommt.

     

    Itemkonstruktion und Itemselektion

    Die Entwicklung des Instruments verlief in folgenden Stufen (zwischen 1976 und 1983):

    1)     Zunächst wurden (z.T. in Anlehnung an vorliegende Instrumente, wie der Social Readjustment Rating Scale von Holmes & Rahe, z.T. in Eigenentwicklung) Fragen zu 45 Lebensereignissen zusammengestellt, die bei einem Auftreten gravierende Veränderungen im Alltag und Belastungsfolgen bei den Betroffenen erwarten lassen. Orientiert an stresstheoretischen Überlegungen erfolgte zudem eine Auswahl von Dimensionen zur subjektiven Belastungseinschätzung von Ereignissen.

    2)     In einem Pretest wurde die entsprechende Liste von Ereignissen und die Zusatzdimensionen bei einer Stichprobe von Herzinfarktpatienten eingesetzt. Ausgeschlossen wurden Ereignisse, die

    -       eher chronische Schwierigkeiten als akute Ereignisse betrafen,

    -       von den Befragten als überwiegend positiv erlebt wurden,

    -       in der Stichprobe kein einziges Mal genannt wurden und

    -       häufig gemeinsam, bzw. als identisch mit anderen Ereignissen angegeben wurden.

    3)     Die Ereignisbeschreibungen (Zusatzskalen) wurden sprachlich modifiziert.

    4)     Die verbliebenen 39 Ereignisklassen und die Zusatzskalen bildeten die Grundform, die zunächst in einer Studie an Herzinfarktpatienten eingesetzt wurde (Siegrist et al., 1981).

    5)     In der Folgezeit wurden mehrere Veränderungen und Modifikationen vorgenommen:

    -       Zahl und Art der aufgenommenen Ereignisse wurden modifiziert (z.B. Anzahl von LE, die sich auf die befragte Person selbst oder auf ihre nächsten Angehörigen beziehen)

    -       Verändert und verbessert wurden die Formulierungen der Ereignisabfrage sowie der Zusatzskalen, die Skalenbezeichnungen (Ziffern), die sprachlichen Anker bei den Zusatzskalen und das graphische Layout des Instruments.

    -       Der Versuch, das Instrument als Selbstausfüllerfragebogen einzusetzen, hat sich nicht bewährt, von dieser Verfahrensweise ist dringend abzuraten. Das Ausfüllen der Liste durch den Interviewer und das Ausfüllen der Zusatzskalen durch die Befragten bleibt weiterhin der beste Weg.

    -       Im Jahre 1991 wurde die im Zusatzblatt enthaltene Frage zur ereignisbezogenen sozialen Unterstützung in zwei Fragen aufgeteilt. Die Begründung dafür ist weniger theoretischer als praktischer Natur. Die alte Formulierung führte im Interview häufig zu Komplikationen und Verständnisschwierigkeiten.

    -       Die Formulierung des Items zur ersten Ereignisdimension Kontrollierbarkeit "...war für mich vollkommen kontrollierbar.." wurde geändert in "...vollkommen unkontrollierbar..".

     

    Stichproben

    Die hier berichteten Daten stammen aus zwei Untersuchungen:

    1)     Einer Reteststudie an 56 Infarktpatientinnen und Patienten (39 männlich, 17 weiblich) im Alter von durchschnittlich 52,5 Jahren (Sd= 6,3 Jahre). Die beiden Interviews fanden unmittelbar nach der Aufnahme, bzw. vor der Entlassung aus der Klinik statt. Der Zeitabstand zwischen beiden beträgt vier Wochen. Es wurden zum ersten Zeitpunkt 120, zum zweiten Zeitpunkt 106 Ereignisse genannt.

    2)     Einer prospektiven Studie mit 416 männlichen Industriearbeitern mit vier Messzeitpunkten (Lebensereignisse wurden zu drei Zeitpunkt erfasst). Für die inhaltlichen Ergebnisse der prospektiven Industriearbeiterstudie sei verwiesen auf Peter (1991). Der Altersmittelwert der Stichprobe zum ersten Zeitpunkt war 40,8 Jahre (Sd= 13,9 Jahre).

     

    Itemanalysen

    Insgesamt niedrige Interkorrelationen der über das Zusatzblatt erfassten Ereignisdimensionen (Tabellen 2 + 3) in beiden Studien deuten darauf hin, dass die Zusatzitems wie beabsichtigt recht unterschiedliche Aspekte des Ereigniserlebens erfassen. Problematisch sind jedoch ebenfalls beobachtete Korrelationen, die zwischen zwei Zeitpunkten stark voneinander abweichen. Die für die beiden Studien zu beobachtenden unterschiedlichen Vorzeichen zwischen der ersten und allen anderen Dimensionen ist nicht untersuchungsspezifisch, sondern erklärt sich aus der Umpolung in der Itemformulierung auf dem Zusatzblatt. Sie wurde vor der Reteststudie vorgenommen.


     

    Tabelle 2

    Korrelationen der Beschreibungsdimensionen von Lebensereignissen für beide Erhebungszeitpunkte der Studie mit Herzinfarktpatienten

     

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    7

    8

    9

    1

    --

    -.09

    .47

    -.10

    .28

    .18

    -.07

    .41

    .16

    2

    .01

    --

    -.12

    -.22

    -.06

    -.06

    -.14

    -.20

    -.11

    3

    .54

    -.18

    --

    .04

    .23

    .26

    .01

    .50

    .33

    4

    .03

    -.12

    .23

    --

    .03

    .07

    .17

    .31

    .27

    5

    .31

    .17

    .12

    -.02

    --

    .39

    -.15

    .21

    .06

    6

    .16

    .06

    .24

    .02

    .27

    --

    -.29

    .33

    .11

    7

    .05

    -.03

    .16

    .13

    -.14

    -.24

    --

    .06

    .08

    8

    .42

    -.01

    .58

    .18

    .12

    .24

    .19

    --

    .38

    9

    .11

    -.25

    .43

    .15

    .05

    .14

    .14

    .46

    --

    Anmerkungen. Obere Dreiecksmatrix: erster Erhebungszeitpunkt 120 Fälle (Ereignisse), Untere Dreiecksmatrix: zweiter Erhebungszeitpunkt 106 Fälle (Ereignisse).

     

    Tabelle 3

    Korrelationen der Beschreibungsdimensionen von Lebensereignissen für zwei Zeitpunkte der Industriearbeiterstudie

     

    1

    2

    3

    4

    5

    6

    7

    8

    9

    1

    --

    -.31

    .15

    -.24

    .05

    -.02

    .04

    -.13

    -.07

    2

    -.28

    --

    -.08

    .50

    .15

    .31

    .12

    .45

    .23

    3

    .01

    -.08

    --

    -.12

    -.13

    -.04

    -.07

    -.19

    -.10

    4

    -.33

    .49

    -.09

    --

    .23

    .18

    .15

    .55

    .34

    5

    -.10

    .16

    -.04

    .17

    --

    .23

    .17

    .27

    .19

    6

    -.11

    .28

    -.00

    .28

    .15

    --

    .24

    .31

    .30

    7

    -.06

    .12

    -.06

    .16

    .09

    .17

    --

    .29

    .29

    8

    -.24

    .39

    -.15

    .57

    .28

    .33

    .29

    --

    .53

    9

    -.19

    .33

    -.15

    .43

    .21

    .29

    .25

    .53

    --

    Anmerkungen. Obere Dreiecksmatrix: erster Zeitpunkt, 565 Fälle (Ereignisse), untere Dreiecksmatrix: dritter Zeitpunkt, 474 Fälle (Ereignisse).

     

    Itemkennwerte

    Ausführliche Angaben hierzu finden sich in der Originalliteratur.

     

    Die Konstruktion von Lebensereignis-Instrumenten, ihre Anwendung und Interpretation verlangt die Auseinandersetzung mit einer Reihe vorwiegend methodischer Probleme (vgl. Brown 1974; 1989; Cleary 1981; Dohrenwend, et al., 1978; Filipp 1981; Tausig 1982; Thoits 1981; Cohen, 1988; Geyer, 1991; Dittmann, 1991).

     

    Reliabilität

    In Lebensereignisinventaren ist eine Berechnung der Reliabilität nicht in der gleichen Weise durchführbar wie in psychometrischen Tests. Sie beschränkt sich auf die Wiederholungsreliabilität, d.h., in welchem Umfang Ereignisse zu zwei Zeitpunkten genannt und eingeschätzt werden. In früheren Studien liegen die Zeitpunkte relativ nahe beieinander, bei Johnson (1986: 45) ist es nur eine Woche. Dies muss als zu kurz angesehen werden. In den dort referierten Studien bezogen sich die Reliabilitätsberechnungen außerdem nicht auf Ereignisse, sondern auf Life- Change- Scores, bei denen feste, den Einzelereignissen zugewiesene Belastungswerte zu zwei Zeitpunkten addiert wurden (Johnson, 1986: 45). Da sich unter zwei hoch korrelierenden Scores sehr unterschiedliche Ereignisse verbergen können, sind wir einen anderen Weg gegangen, indem die Einzelereignisse und die Ratings Gegenstand der Untersuchung werden.

    Die Übereinstimmungen in den Nennungen von Lebensereignissen (Tabelle 4) im vierwöchigen Abstand zeigen, dass von den 165 insgesamt genannten Ereignissen nur 46,1% sowohl im ersten als auch im zweiten Interview berichtet wurden. Die verbleibenden Nennungen entfallen auf die einzelnen Interviews, d.h., es gibt einen hohen Anteil, der vergessen oder zusätzlich genannt wird. Diese Übereinstimmungen sind nicht unbedingt zufriedenstellend, für andere Inventare sind sie z.T. jedoch noch niedriger: Richter (1990: 75) berichtet für ein Instrument (Leipziger Belastungsinventar), das ebenfalls aus einer Liste und subjektiven Belastungseinschätzungen besteht. Die Rate der Wiederholungsnennungen für einen drei bis vier- Wochenzeitraum beträgt hier 20%, für vom Zeitaufwand her kürzere Inventare sind aber auch noch niedrigere Werte zu erwarten.

     

    Tabelle 4

    Übereinstimmungen in den Nennungen von Ereignissen in vierwöchigem Abstand

    Insgesamt erinnerte Ereignisse:

    165 (100%)

    Zu beiden Zeitpunkte erinnerte Ereignisse:

    76 (46,1%)

    Nur zum 1. Zeitpunkt erinnerte Ereignissen:

    48 (29,1%)

    Nur zum 2. Zeitpunkt erinnerte Ereignissen:

    41 (24,8%)

     

    Wenn wir für die zu Zeitpunkt 1 und 2 genannten Ereignisse die Übereinstimmungen auf den Einzeldimensionen (Tabelle 5) betrachten, zeigt sich, dass die Rate zwischen 40% und 71% schwankt.


     

    Tabelle 5

    Übereinstimmungen in den Ratings auf den Zusatzdimensionen für das Herzinfarktsample

    Dimension

    Korrelation

    Übereinstimmung %

    Vorhersehbarkeit

    .57

    57.9

    Kontrollierbarkeit

    .38

    47.3

    Situative Vulnerabilität

    .52

    50.7

    Relevanz des Ereignisses

    .66

    63.1

    Unterbrechung von Alltagsroutinen

    .73

    70.9

    Aktive Bewältigungsmöglichkeiten

    .40

    40.0

    Soziale Unterstützung (I)

    .52

    48.7

    Bewältigungskosten

    .65

    50.0

    Aktuelle Belastung durch LE

    .63

    50.0

     

    Genauere Rückschlüsse auf die Struktur dieser Veränderungen soll die Verteilung der Ratings für die Ereignisdimension "Kontrollierbarkeit" über zwei Zeitpunkte (Tabelle 6) erlauben. Die Mehrzahl der Übereinstimmungen in den Ratings liegen in den extremen Antwortkategorien. Die mittleren Ratings erweisen sich als sehr instabil. Dies ist in Übereinstimmung mit der oben vorgenommenen Interpretation, dass es in den mittleren Rängen Unsicherheit hinsichtlich der Einstufung von Ereignissen gibt. Es kann hier aufgrund der Instabilität auch nur von einer geringen Aussagekraft ausgegangen werden.


     

    Tabelle 6

    Kreuztabellierung der Ereignisdimension "Kontrollierbarkeit" für zwei Erhebungszeitpunkte

    Anzahl

    Zeilen- %

    Spalten- %

    Erster Zeitpunkt Ereignisratings

     

    1

    2

    3

    4

    5

    Gesamt

    Zweiter

    Zeitpunkt

    Ereignis-

    ratings

    1

    10

    3

    1

     

    3

    17

    58.8

    17.6

    5.9

     

    17.6

    22.4

    62.5

    37.5

    14.3

     

    7.5

     

     

     

     

     

     

     

     

    2

    1

    1

    2

    1

    1

    6

    16.7

    16.7

    33.3

    16.7

    16.7

    7.9

    6.3

    12.5

    28.6

    20.0

    2.5

     

     

     

     

     

     

     

     

    3

    1

    1

    1

     

    1

    4

    25.0

    25.0

    25.0

     

    25.0

    5.3

    6.3

    12.5

    14.3

     

    2.5

     

     

     

     

     

     

     

     

    4

    1

     

     

     

    3

    4

    25.0

     

     

     

    75.0

    5.3

    6.3

     

     

     

    7.5

     

     

     

     

     

     

     

     

    5

    3

    3

    3

    4

    32

    45

    6.7

    6.7

    6.7

    8.9

    71.1

    59.2

    18.8

    37.5

    42.9

    80.0

    80.0

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    16

    8

    7

    5

    40

    76

     

    21.1

    10.5

    9.2

    6.6

    52.6

    100.0

     

    Validität

    Validität als Übereinstimmung der Fragebogen-Maße mit einem Außenkriterium ist in der Lebensereignisforschung nur schwer überprüfbar. Eine Möglichkeit wäre die Übereinstimmung zwischen den Ereignisnennungen einer Zielperson und den Ratings einer weiteren Person, z.B. Partner oder Partnerin. Hier gibt es jedoch das Problem, dass ein Ereignis von einer anderen Person nicht unbedingt miterlebt worden sein muss. Das Belastungserleben schließlich ist etwas spezifisch subjektives, das intersubjektiv nur mit großem Aufwand über Zusatzinformationen erschließbar ist (vgl. Brown & Harris, 1978; 1989). Wir beschränken uns hier auf den (allerdings unzureichenden) Ansatz, die Nennungshäufigkeiten über den (in Zeitintervalle geteilten) Erfassungszeitraum ("fall- off- Raten") zu untersuchen. Die erhaltenen Daten (Tabelle 7) geben Auskunft über einen "Vergessenseffekt" über die Zeit. In beiden Studien zeigt sich eine "Vergessensrate" über den abgedeckten Erfassungszeitraum von zwei Jahren. In der Industriearbeiterstudie ist der Verlauf flacher, in der Reliabilitätsstudie ist die "Vergessensrate" höher. Der Unterschied zwischen beiden könnte über unterschiedliche Einschlusskriterien für die Aufnahme von Ereignissen erklärbar sein. Da schwerere Ereignisse schlechter vergessen werden, ist zu vermuten, dass in der zweiten Studie die Grenze für die Aufnahme eines Ereignisses niedriger gewesen sein sollte. In beiden Fällen gibt es jedoch Vergessenseffekte, da die Nennungen im letzten Intervall im Vergleich zum ersten stark vermindert sind.

     

    Tabelle 7

    Häufigkeiten und Prozentwerte über zeitabhängige Ereignisnennungen aus vier Lebensereignisinterviews (die Interviews der Reliabilitätsstudie sind nicht unabhängig voneinander)

     

    Industriearbeiterstudie

    Reliabilitätsstudie

     

    T1

    %

    T3

    %

    T1

     

    T2

     

    Vierteljahresintervall

    n

    %

    n

    %

    n

    %

    n

    %

    1

    77

    14.3

    73

    16.8

    56

    39.7

    70

    45.5

    2

    91

    16.9

    68

    15.6

    11

    7.8

    12

    7.8

    3

    69

    12.8

    59

    13.6

    7

    5.0

    13

    8.4

    4

    76

    14.1

    59

    13.6

    19

    13.5

    13

    8.4

    5

    60

    11.1

    50

    11.5

    20

    14.2

    14

    9.1

    6

    47

    8.7

    41

    9.4

    5

    3.5

    11

    7.1

    7

    44

    8.2

    39

    9.0

    5

    3.5

    6

    3.9

    8

    46

    8.5

    34

    7.8

    18

    12.8

    15

    9.7

     

    Zieht man Outcomekriterien, d.h. Zusammenhänge zwischen Lebensereignissen und Erkrankungen, als Indikatoren heran, kann das Instrument durchaus als valide beurteilt werden. Hierzu sei u.a. verwiesen auf Siegrist & Dittmann (1981), auf Neuser & Knopp (1986) und Paar et al., 1987.

     

    Deskriptive Statistiken

    Die Autoren halten es nicht für sinnvoll, Populationskennwerte anzugeben, da die Grundraten von Ereignissen nicht bekannt sind und auch vom Auftreten einer Ereignisart (z.B. "Scheidung") kaum auf ihren Belastungswert geschlossen werden kann (vgl. Filipp & Braukmann, 1983: 244; Badura & Pfaff, 1992). In der vorangegangenen Version des Instruments wurden in Analogie zu psychometrischen Tests Gütekriterien und Populationskennwerte angegeben. Mit der Übernahme testtheoretischer Überlegungen werden auch zugrundeliegende Annahmen zur Konstruktbildung, zur Verteilung von Merkmalen, etc, akzeptiert. Dieses Vorgehen ist u.E. bei der Erfassung von Lebensereignissen nicht adäquat. Mit den üblichen psychologischen Tests werden Eigenschaften der Person erfasst, in der Lebensereignisforschung geht es dagegen um Erinnerungsbestände, die in mehr oder weniger wertungsbehafteter Form im Gedächtnis abgespeichert sind.

    Der Lebensereignisfragebogen als Stimulus stellt damit keine "Projektionsfläche" für ein latentes Konstrukt dar, sondern er setzt einen Reiz für das Abrufen von Informationen, die über assoziative Prozesse aktiviert werden. Dabei gilt es, auf einen gegebenen Begriff (z.B. "Todesfall in der Familie") hin die Information über Ereignisse (gegeben, dass die Person sie erlebt hat) abzurufen, sie in ihrem Belastungscharakter zu bestimmen und dies auf einer aktuell verwendeten Skala abzubilden. Es geht damit um eine Erinnerungsaufgabe. Kennwerte für Ereignisinventare müssen daher primär Informationen darüber vermitteln, wie gut das in Frage stehende Instrument die Erinnerung stimuliert.

    Populationskennwerte haben in diesem Zusammenhang ebenfalls nur geringe Bedeutung, da sie nicht die Verteilung einer Eigenschaft in einer Population reflektieren, sondern (gegeben, alle Ereignisse würden erfasst) die Häufigkeit eines Ereignisses angeben. Je nach dem im Fragebogen erfassten "Ereignisuniversum" sehen die Häufigkeiten dann anders aus. Die Selektivität der verwendeten Stichproben, bzw. aktueller Vergleichsgruppen, stellt den Sinn eines solchen Unternehmens zusätzlich in Frage.

    Es bleiben deskriptive, eher reliabilitätsbezogene Maße, die über die Erinnerungsgüte in Abhängigkeit vom verwendeten Instrument Auskunft geben. Damit wird u.a. der Tatsache Rechnung getragen, dass Lebensereignisstudien i.d.R. als retrospektive Querschnittsstudien angelegt sind. Hier behandelte Kennwerte sind:

    -       die Verteilung von Ereignissen auf der Zeitachse (Vergessensrate)

    -       Übereinstimmung in der Nennung von Ereignissen über Zeitpunkte

    -       Übereinstimmung in der Bewertung von Ereignissen über zwei Zeitpunkte

    -       Verteilung von Ereignissen über Skalenpunkte.

    Stattdessen stellen sie hier die Verteilungen der Ratings der Dimension "Kontrollierbarkeit" (Tabelle 8) aus den beiden oben beschriebenen Studien dar.

     

    Tabelle 8

    Verteilung der Ratings der Ereignisdimension "Kontrollierbarkeit" mit Häufigkeiten und Prozentwerten für die Reteststudie mit Infarktpatienten und für den ersten und dritten Zeitpunkt der Industriearbeiterbefraguung (Basiert auf 565 Ereignissen)

     

     

    Reteststudie (Herzinfarkt)

    Industriearbeiterstudie

     

     

    T1

    T2

    T1

    T3

    stimme

    zu

    1

    17

    12

    154

    120

     

    22.4%

    15.8%

    26.5%

    25%

     

    2

    7

    8

    64

    67

     

     

    9.2%

    10.5%

    11

    14

     

    3

    4

    7

    68

    66

     

     

    5.3%

    9.2%

    11.7%

    13.8%

    stimme

    nicht

    zu

    4

    8

    9

    64

    66

     

    10.5%

    11.8%

    9.9

    13.8

    5

    40

    40

    232

    159

     

    Gesamt

    52.6%

    52.6%

    39.9%

    33.1%

     

    Die Antwortverteilungen der hier nicht dargestellten Dimensionen unterscheiden sich von den hier dargestellten. Die Ergebnisse einer weiteren Reteststudie mit depressiven Patientinnen und Patienten  unterscheiden sich zudem kaum von den hier für Infarktpatienten und gesunden Männern berichteten: Die Hauptzahl der Einschätzungen fällt in die beiden extremen Antwortkategorien. Da anzunehmen ist, dass die Zahl auftretender/ erlebter Ereignisse mit dem Schweregrad abnimmt (vgl. Geyer, 1991), gibt die vorliegende Verteilung nicht die erwartete wieder. Der Anteil von 22,4% in der schwersten und die 52,6% in der niedrigsten Ratingstufe (erste Spalte der Tabelle) sollte in der Tendenz zwar eine Annäherung sein, die geringe Besetzung der mittleren Ränge deutet jedoch auf ein Problem der Differenzierung hin. Da sich die Verteilung über verschiedene Krankheitssamples gleichermaßen reproduzieren lässt, kann - in dieser Hinsicht - von einer Situationsunempfindlichkeit des Instruments ausgegangen werden.

    Es ist anzunehmen, dass die Befragten mittels der vorgegebenen Skalenstufen und der verbalen Bezeichnung nur unvollkommen differenzieren. Die Zwischenkategorien sind demnach kaum interpretierbar. Ein Aufgeben der 5-er Skala zu Gunsten einer 3-er Teilung wurde jedoch verworfen, da für diesen Fall eine weitere Extremisierung des Antwortverhaltens zu erwarten ist.


     

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